Alte Möhren

Ich habe Ja gesagt. Ja, ich helfe. Klar, ich gieße den Garten. Ist kein Thema.

Innerlich hatte ich allerdings direkt ein Thema: die Abwehr.

Boar, raus fahren zum Oberfeld, um einen Nutzgarten zu gießen? Ich? Die ich so viel Affinität zu Pflanzen habe wie zu Schwimmbädern im Hochsommer? Auch „du kannst ernten“ lockt mich in der Regel nicht in den Garten. Jegliche Verpflichtung in Form von „ich kümmere mich“ schreckt mich ab und zieht mich gleichzeitig an.

Weil, wie schön, gefragt zu werden.

Andererseits, wer will schon freiwillig beim Umzug helfen? Ich ja nicht.

Ich bin im Grunde keine hilfsbereite Seele, obwohl ich mich schnell verpflichtet fühle, zu helfen. Ich backe auch ungern fürs Schulfest, obwohl ich gern und gut backe und mich dann auch freue, wenn ich beim Schulfest mit meinem Kuchen stehe.

Im Kiosk bei den Heimspielen von K5, da helfe ich tatsächlich gern aus. Eventuell, weil ich darin sicher bin und wirklich gern im Geschäft stehe und verkaufe … Vielleicht sollte ich einen Kiosk eröffnen, hier in Bessungen. Das fehlt uns tatsächlich. Er hätte auch Liegestühle, denke ich.

Heute war das aber kein Kiosk. Auch kein Liegestuhl. Nur alte Möhren.

Ich, auf dem Fahrrad. Die alte Möhre aufgepumpt und los ging’s.

Den Satz darf ich sacken lassen. Weil es so nicht ist – ich behaupte, Radfahren zu hassen. Und doch habe ich das wirklich gemacht, ohne daran zu verzweifeln.

Da kam heute viel zusammen. Ein Garten. Gießen. Mit dem Rad hinfahren. Nur das Schwimmbad hat gefehlt. Aber alles an einem Tag geht ja nun auch nicht.

Weil, es war wunderbar! Wir zwei alten Möhren, wir sind fröhlich zum Garten gegurkt. Erstaunlich fit bin ich auch den einen steilen Hang hoch gekommen, ohne zu hyperventilieren. Ich hatte auch keine Schmerzen im unteren Rücken.

Vor Ort bin ich 11 mal mit 2 vollen Gießkannen auf die Parzelle gelaufen. Eine rechts, eine links, Rücken gerade, gute Sache.

Gießen macht dann auch Spaß, es ist schön, zu sehen, wie gut es den Pflanzen tut. Es ist eine sehr befriedigende Arbeit, die ein ehrliches Gefühl zurücklässt. Ganz anders als Marketing es jemals könnte.

Und dann das Highlight. Die Tomaten. Sie riechen. Also, nicht nur ein bisschen. Es ist so intensiv, unvergleichlich. Ganz frisch vom Feld ist unglaublich. Süß. Saftig.

Einfach vom Strauch genascht.

Ich darf die Woche noch mehrfach rüber fahren. Es sind tatsächlich gerade mal 22 Minuten auf dem Rad, einfache Strecke. Ich dachte, ich sei sicher viel länger unterwegs. Vielleicht mache ich die alte Möhre auch mal sauber und schaue nochmal nach der Kette, die Schaltung hängt auch. Mal sehen, wie viel Motivation ich für diese ungeliebten Aufgaben aufbringen kann.

Wie so oft, wenn so viel Abwehr da ist, ist es diese eine Sache. Eigentlich tue ich das gern. Ich helfe gern, ich kümmere mich gern, ich fahre gern Rad, eventuell gehe ich sogar gern schwimmen. Aber erstmal will ich das nicht. Als könnte es mir dabei ja versehentlich gut gehen. Sehr cringe.

Ein Teil der Abwehr kommt mit Sicherheit aus einem „nicht wissen, nicht können“. Keine Ahnung von Pflanzen und vom Aufpumpen der Reifen, keine Ausdauer auf dem Rad oder beim Schwimmen. Ja, nun. Es ist ja nicht so, dass ich das nicht aus- und aufbauen könnte. Mangelnde Fitness führe ich gern ins Feld, um Ausreden zu finden.

Alles Quatsch. Ich kann alles Lernen und gerade habe ich die mentale Kraft, wirklich alles Lernen zu können. Auch, dass die kleinen Paprika eigentlich Peperoni und total scharf sind. Einfach so auf dem Feld in eine reinzubeißen, das ist learning by doing. Das wird mir so schnell nicht nochmal passieren.

Es war ein schönes Gefühl, einfach außerhalb der Zeit auf dieses Feld zu radeln. Ich habe keinen Druck, niemand musste gerade ins Bett gebracht werden, es brauchte kein Abendessen pünktlich um 18 Uhr auf dem Tisch. Erstaunlich, wie gut mir das heute getan hat, mich einfach zu schwingen.

Wie schön, dass ich gefragt wurde. Wie schön, dass ich Ja gesagt habe. Helfen macht doch glücklich. Frische Tomaten vom Strauch und mit dem Fahrrad fahren auch.

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