Anna poppelt

Anna würde eine andere Geschichte erzählen.
Anna log.

Wenn sie noch Leben würde und wir sie fragen könnten, was würde sie erzählen? Wie hätte sie wahrgenommen, wie hätte sie empfunden? Was würde sie über mich erzählen? Sie, die nur ein Teil ist. Sie taucht auf, in Episoden. Sommerschwer.

Anna ist viele. Sie steht mittendrin und doch daneben. Ist ein Teil, nicht das Ganze. So wie wir alle aus einem anderen Blickwinkel nur Teile des Ganzen sind. Perspektiven sind grenzenlos.

Morgen werde ich operiert. Noch 50 Minuten lang darf ich essen – ich überlege, was mein Mitternachtssnack werden will. Nochmal Johannisbeeren mit Joghurt und Mandelmus? Etwas Gesundes, vor dem krank sein? Oder brauche ich das nicht, weil es ja nicht das Ende ist? Und falls es doch das Ende ist, könnte nicht jeder Tag das Ende sein? Und wenn jeder Tag das Ende sein könnte, sollte man dann nicht immer um Mitternacht noch essen und nach Mitternacht ins Bett gehen? Damit man sagen kann – ich bin schon im morgen, ich kann getrost schlafen?

Behütet im Heute?

Sorgen mache ich mir keine, ein kleines Flimmern ist dennoch da. Ich bin zwar viele und ich bin unendlich, im Innen. Im Außen aber fühle ich schon, wie viel endlicher ich bin. Und dennoch ist es endlich soweit – trotz aller Endlichkeit wird eine Baustelle behoben. Eine Baustelle, die ich selbst verschuldet habe. Ein Unfall, den ich selbst herbeigeführt habe. Erstaunlich, dass mir dabei geholfen wird. Fast könnte man auch annehmen – dass ich den Fehler selbst begangen habe und es deshalb auch keine Heilung geben darf.

Manchmal denke ich so. Eventuell habe ich das als Kind zu oft gehört. Hat gesoffen, Leberversagen. Hat geraucht, Lungenkrebs. Hat zu viel gefressen, ist dick und bekommt einen Herzinfarkt. Selbst Schuld. Warum soll unser Krankensystem diese selbstverschuldet Kranken noch weiter mitziehen? Die können doch auch einfach gesund leben, besser auf sich aufpassen, Sport treiben und auch ansonsten vorbildlich sein. Vorbildlichkeit wird belohnt!

Aber sind sie wirklich einfach undiszipliniert, schlecht, falsch? Weniger wert? Ist das nicht ein Trugschluß? Wo ist die Grenze? Ist es okay, dass das Loch in meiner Nasenscheidewand operiert wird, obwohl ich mir das Loch selbst gegraben habe? Mit meinem Finger? Unter starkem Stress, Ausgleich suchend im Schmerz, innerlich erst zufrieden, wenn es äußerlich blutet?

Bin ich selbst Schuld an dem Stress? Weil ich nicht rechtzeitig gelernt habe, Stress zu regulieren? Weil ich den falschen Job gewählt und mich vom falschen Mann getrennt habe? Weil ich unter Umständen zu viele Kinder bekommen habe? Warum soll die Gesellschaft meine Krankheit bezahlen, wenn ich doch – selbst Schuld habe?

Keine Fragen für mitten in der Nacht. Ich bin dankbar, in einer Welt zu leben, in der Fehler behoben werden. In der Heilung stattfinden kann. In der ich heilen darf. Das Morgen wird ein großer Schritt. Ich höre auf zu Rauchen. Von jetzt auf gleich, und nie mehr. Ich bin sehr gespannt, ob ich das schaffe. Gerade fühlt es sich sehr unwirklich an, diesen Weg der Stressregulation nicht mehr zu haben. Ich kann und darf und werde nie mehr in der Nase bohren! Nach dieser OP wird meine Nase ruhen, ausruhen, heilen, und ich werde mir das teuflische Poppeln unter Druck abgewöhnen. Das wird kein Kinderspiel. Aber wenn das Leben ein Kinderspiel wäre, könnte es ja Jeder.

Ich bin gespannt, ob diese Übung gelingen wird. Ich wüsste gern, welche Geschichte Anna erzählen würde.

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