comes alone, goes alone

Fast hätte ich eben das Kühlpad in den Müll geschmissen und meinen Finger mit dem Gurkeneis gekühlt…

Ich, leicht verwirrt, mit einer akuten Entzündung im linken Daumen und der Idee, mich vielleicht doch mal auf Gicht untersuchen zu lassen. Gestern abend war noch alles in Ordnung. Heute morgen habe ich einen Finger, der aufs doppelte angewachsen ist, rot und warm ist und sich nicht mehr bewegen lassen möchte. Völlig von allein kam das – und ob es auch von allein wieder weggeht? Sollte ich das kühlen oder Ja?

Ich erinnere mich dunkel, mit Gelenkschmerzen hatte meine Mutter auch so ihr Thema. Wer weiß, was ich noch von ihr geerbt habe? Neben all den tollen Glaubenssätzen, die sie direkt auf mich übertragen hat, vielleicht auch noch ihre Neigung zu Depressionen und zu Gicht?

Einer ihrer sehr einschränkenden Sätze, den sie bis zuletzt gelebt hat, ist:

Was von allein gekommen ist, geht auch von allein wieder weg!

Sagte sie und nahm keine Medikamente, weil, der Körper schafft das auch allein!

Ganz großartige Einstellung, die ja auch tatsächlich in vielen Fällen stimmig ist. Wenn ich wegen jeder Schürfwunde meiner Kinder in Panik verfallen wäre, hätte das niemand geholfen. Weder den Kindern und ihrer Selbstheilungskompetenz noch dem Gesundheitssystem. Dieses „mit jedem Wehwehchen panisch zum Kinderarzt rennen“ belächele ich schon seit fast 29 Jahren. Ich bin ganz klar nicht so erzogen worden. Bei mir muss schon der Arm abgefallen sein, bevor ich mich auf den Weg mache. Also – es braucht etwas mehr Dramatik, damit mein Blick sich schärft.

Einige Dinge erkenne ich aber sofort. Also – ich trage eine Brille und meine Eltern haben das nicht verweigert. Weil, eigentlich geht das nicht. Ist von allein gekommen, geht auch wieder von allein …

In dem Fall aber hat man doch mit 7 oder 8 Jahren festgestellt, warum ich eigentlich so toll rechnen kann, aber immer mit den falschen Zahlen. Meine Lehrerin hat meine Eltern damals darauf aufmerksam gemacht, doch mal einen Sehtest mit mir zu machen. Und siehe da, ich war blind wie ein Maulwurf. Mir selbst ist das nie aufgefallen, ich hatte ja keinen Vergleich zu einem normalen Sehen. Meine Eltern hätten es eventuell bemerken können, weil ich immer direkt vor dem Fernseher auf dem Boden lag. Aber hey. Ich will nicht meine Eltern dissen. Nur feststellen, woher das kommt.

Woher das bei mir kommt, dieses „sich schlecht um mich selbst kümmern können“

Eincremen? Braucht die Haut nicht, muss sie doch allein schaffen.
Haare abrasieren? Geht gar nicht, die Haare hat mir der liebe Gott geschenkt, die müssen dranbleiben.
Waschen? Naja, aber nur einmal die Woche. Zu viel waschen ist gar nicht gesund, das schafft der Körper auch von allein.

Lecker!

Ich weiß noch, was für einen absurden Ärger ich mit 16 bekommen habe. Ich war bereits im Internat, und meine Zimmerkameradin fand meinen Pelz am Bein irritierend bis abstoßend. Männerbeine, warum ich so herumlaufen würde? Ich war irritiert, weil – das sind halt meine Beine und ich muss sie so lieben wie sie sind. Heidi hat damals herzhaft gelacht, mir Enthaarungscreme besorgt und dann startete Projekt „glattes Bein“. Es war erfolgreich. Wir brauchten fast eine Schubkarre, um all das Haar zu entsorgen. Heidi war es auch, die mir beigebracht hat, dass man sich regelmäßig wäscht, und zwar nicht nur mit einem Waschlappen am Waschbecken. Duschen, das Prinzip kannte ich gar nicht. Heidi zeigte mir auch, wie ich Wäsche wasche und wann es notwendig ist. Heidi war in vielen Dingen meine Rettung.

Meine Mutter flippte bei einem Wochenendbesuch fast aus, weil ich Gotteslästerlich mein Beinhaar entfernt hatte. Ich habe mich damals unter imaginären Schlägen weggeduckt. Nein, echte Schläge gab es nicht. Aber verbal kann man auch ganz schön fest zuschlagen.

Meine Gewissensbisse wurden erst besser, als ich verstanden habe, dass meine Mutter schon damals und schon lange ihre Haare gefärbt hatte … Da wurde mir klar, mit welcherlei Maß gemessen wurde und wie sehr das „aktzeptiere deinen Körper, wie er ist“ selbst gelebt wurde.

Ab da wurde es besser! Ab Internat wurde es besser! Ich hatte keinen Pelz mehr an den Beinen, ich habe BH’s gekauft, die zur Größe meiner Brust passten, ich habe mich regelmäßig gewaschen und meine Kleidung ebenfalls und ich habe erste neue Haarfarben ausprobiert. Es war eine echte Teenagerbefreiung aus einem Korsett der angeblichen Selbstakzeptanz.

Diese Themen konnte ich abstreifen. Andere Themen lagen und liegen deutlich tiefer, und mit denen hadere ich bis heute.

Selbstpflege

Mich selbst zu pflegen, über ein tägliches Waschen und Zähneputzen hinaus, ist bis heute kein Selbstläufer. Erst seit knapp 6 Jahren pflege ich meine Haut täglich. Reinigungsmilch, Tonic, Creme, die zu mir passt – ich hatte immer mal kurze Phasen, in denen ich meine Haut gepflegt habe. Aber nichts davon blieb auf Dauer. Zu stark war ein „die Haut schafft das schon allein“ verankert bei mir.

Mit Medikamenten und Supplements ist das Thema noch intensiver. Nichts, was wir nicht über die Nahrung ausreichend zu uns nehmen könnten! Es braucht keine Unterstützung von außen, ich kann ganz gut allein auf alles achten! Schmerztabletten? Nur, wenn der Arm abfällt!

Ich bin und war immer sehr pragmatisch. Ist von allein gekommen, geht auch von allein wieder weg. Nur bei schlimmeren Erkrankungen oder Verletzungen war ich dann doch bereit, brav meine Medikamente zu nehmen, ohne sie zu hinterfragen. Das war okay. Sobald es aber besser wurde und ich zum Beispiel aber weiterhin 2x täglich etwas tun oder zu mir nehmen sollte – konnte es schon mal passieren, dass ich das nicht täglich schaffte. Weder regelmäßig meine Spange tragen noch eine Narbe regelmäßig massieren oder eine Hand regelmäßig allein daheim trainieren (also Krankengymnastik daheim ausführen) waren mir möglich.

Auch bei den Kindern konnte ich es nur schwer. Übungen für die Logopädie? Kontrolle, ob die Spange getragen wird? Ja, eher nein. Schwierig. Schwierig, vermutlich, aus dem gleichen Grund, warum es für mich selbst so schwierig war. Das meine Kinder dennoch gesund aufgewachsen sind empfinde ich als großes Geschenk. Und an manchen Punkten war meine mangelnde Panik sicherlich auch hilfreich, um aufgeschrammte Knie und Platzwunden am Kopf selbst nicht zu tragisch zu bewerten. Mit der Platzwunde war ich im übrigen beim Arzt, um sie klammern zu lassen. So weit konnte ich schon sehen.

Aber Antibiotika vorsorglich mit in den Urlaub nehmen? Oder irgendwas vorsorglich mit in den Urlaub nehmen? Es gab Phasen, da hatten wir gerade mal ein Pflaster daheim. Ich habe das nur gekauft, wenn es notwendig war.

Heute bin ich etwas besser ausgestattet. Nach einigen wilden Jungsjahren sind Verbandsmaterialien und Desinfektionsspray immer im Haus. Auch Kühlpads haben wir inzwischen. Die lagern gern mal zwischen dem Gurkeneis, das mein Sohn letztens dann doch nicht essen wollte. Es war nicht zitronig genug 😉

Nahrungsergänzungsmittel?

Mit dem Thema Supplementierung tue ich mich heute noch schwer. Regelmäßig DHEA nehmen? Oder B12? Oder D3 mit K2? Oder Vitamin C? Nicht das Magnesium zu vergessen. Curcuma könnte mit den Entzündungen helfen. Und Cholin ist toll für die Leber. Eventuell ist da auch ein Eisenmangel bei mir, das lasse ich gerade prüfen.

Also, regelmäßig Nahrungsersatzmittel zu nehmen, das verunsichert mich an. Da ist es bis heute noch sehr stark, dieses „das schafft mein Körper doch allein“. Dieses „das hole ich alles aus der Nahrung“. Dabei weiß ich sehr genau, dass ich nur phasenweise wirklich tief hinschaue, was ich wann esse. Und in anderen Phasen esse ich einfach. Ohne Blick darauf, ob ich genug B12 habe oder ob ich Magnesium und Eisen zufällig gleichzeitig zu mir nehme (was für die Aufnahme nicht sinnvoll ist). Mein Körper kann also in keinem Fall immer ausreichend versorgt sein. Dafür bräuchte ich zusätzliche Stunden am Tag, um mich nur darauf zu konzentrieren, dass das alles passt. Keine Chance! Es gibt wohl Tage, da geht das. Meist sind das Tage, an denen ich nicht arbeite und auch ansonsten nicht sonderlich gefordert bin. Also, Tage an Wochenenden wie diesem hier, wo mein Sohn beim Vater ist und ich einfach so eine Menge Zeit habe. In der ich Vanillepudding selbst koche, mit echter Vanille drin.

Diese Momente sind selten, wobei ich ansonsten darauf achte, dass wir uns gesund ernähren. Gerade erst habe ich unseren Nudelkonsum von Weizen auf Dinkel verlagert und ganz nebenbei ein wenig reduziert. Weniger Nudeln. Mehr Gemüse drumherum. Und heute, heute gibt es eine scharfe Tomatensuppe mit Fisch. Doch, ich kann sowohl kochen als auch mich kümmern, aber wie gesagt – es gibt hier auch Maultaschen an zuckergetränktem Ketchup. So ist das Leben, und so ist es auch gut.

Ab und an mal Magnesium zu nehmen oder Curcuma für die Entzündungsprozesse ist also schon okay! Es ist sogar zu empfehlen! Ich habe das nur nie gelernt. Bei mir löst es ein Gefühl von „ich habe es nicht allein geschafft. Ich bin nicht gut genug. Mein Körper ist nicht gut genug. Ich bin zu schwach.“ aus.

Und das ist bitter, weil es mich innerlich immer noch angreift. Mich immer noch unsicher macht. Immer noch nachwirkt auf den gesamten Organismus. Jeden Tag dreimal die Nase cremen, damit sie abheilt? Leichter gesagt als getan. Ich muss mich dafür so sehr anstrengen. So sehr! Und das gilt für alles, was ich täglich tun könnte, um mir selbst ein guter Freund zu sein.

Egal ob Gymnastik, Atemübungen, Entspannungsübungen, Umarmungen (ich mich selbst), positive Gedanken, Tanzen, Singen …

All das, was mir gut tut, kann ich nur schwer tun. Ich habe nicht gelernt, mich gut um mich zu kümmern, als ich ein Kind war. Ich habe mir stattdessen all die negativen Dinge draufgepackt, wie Nägelkauen und Popeln. Beides, bis es blutet.

All der Schmerz. All das Unvermögen. All die wenige Liebe zu mir selbst. All das heilt nur langsam und in keinem Fall von allein. Es braucht regelmäßige Unterstützung und immer wieder einen freien, offenen Blick darauf. Es braucht ein gutes Mittelmaß, weil ich ja nun wirklich nicht alles nehmen muss – aus Angst, an allem zu erkranken – sondern für mich herausfinden darf, was mir wirklich hilft. Und das, was hilft – und nur das, was hilft – darf ich umsetzen, für mich.

Ob das B12 ist, Curcuma oder Thymian im Tee, ob es Süßkartoffeln sind, die verursachen, dass ich weniger Süßigkeiten essen möchte oder Fenchel, der dafür sorgt, dass ich besser durchatmen kann … Es geht um den eigenen, liebevollen Blick auf mich selbst und die Frage, was mir gut tut.

Und auch dieser Satz ist ja nicht korrekt. Weil in der Regel nichts von nichts kommt, sondern alles eine Ursache hat. Selten „kommt etwas von allein und geht auch von allein wieder weg“. Ja, kommt vor. Viel häufiger aber kommt etwas von außen und bedingt – und sei es, vom Fahrrad zu fallen – und dafür darf auch etwas von außen kommen und helfen – ein Pflaster, zum Beispiel …

Oder, wie heute in meinem Fall – ein Kühlpad für den entzündeten Daumen. Der vermutlich auch nicht einfach so entzündet ist, sondern seine Ursache hat. Eventuell in der Vererbung. In dem Fall nicht von Glaubenssätzen, sondern von Gicht. Und – ich kann inzwischen hinschauen und die Wege gehen, die notwendig sind, um das herauszufinden.

Chapeau! Hat ja nur gut 50 Jahre gedauert …

Ich geh jetzt mal wieder an den Gefrierschrank. Das Kühlpad braucht eine neue Kühlung. Und mein Daumen etwas Ruhe.

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