In der Musik ein Gängiges, werden Lieder, die für sich schon großartig waren, neu interpretiert, neu eingesungen, neu veröffentlicht und werden erneut große Hits. In den letzten Jahren wurde einiges an kaltem Kaffee wieder aufgewärmt, mit einem spannenden Topping versehen und neu verkauft. All das, was schon da war. Kommt wieder. Von den Schlaghosen über Led Zeppelin bis hin zum Stufenschnitt.
Trends in Musik, im Film, in der Mode, Einrichtung, Autos, die Liste ist lang und ein wenig sentimental. Alte Kleidungsstücke werden ausgegraben aus den Tiefen des Kleiderschrankes und die Kinder denken, ich habe ein Vermögen ausgegeben für neue Klamotten. Dabei habe ich nur 9 Kilo abgenommen und damit den Weg nach unten frei gemacht. Unten, im Kleiderschrank. Dieser Fleecepulli, den ich mit 19 gekauft habe. Daneben die altrosa Levis Jeans, die ich so geliebt habe. Heute knirscht sie, nicht alles hält sich mit den Jahren.
Wie alle Jahre vor Weihnachten habe ich auch in diesem Jahr wieder eine Playlist am Start und mein Umfeld, von guten Freunden bis hin zu guten Bekannten, schickt mir die Lieder, die für sie in diesem vergangenen Jahr wichtig waren. Die Freude bereitet haben. Und es ist spannend zu sehen, dass mir gerade die Jungen Coverversionen von alten Hits schicken, die ich gehört habe, als ich jung war. Es schließt sich immer wieder ein Kreis und läuft weiter. Wir haben das damals schon gemacht, ich hatte Phasen, in denen ich „Oldies“ hörte und mich damit älter, weiser, bewusster fühlte. Heute höre ich übrigens ganz neue Musik, vermutlich, um mich jünger, aufgeschlossener und bewusster zu fühlen. Weil ich mich heute Jung fühlen möchte. Damals wollte ich mich älter fühlen, von den Alten akzeptiert werden, wahrgenommen werden. Meinen Platz finden.
Heute habe ich einen Platz, aber auf dem höre ich dennoch auch gern die neue Musik. Weil ich nicht ewig im Gestern verharren möchte. Heute ist es ein Wach bleiben, dass mir ab und an ein Cover von gestern vorbeischickt.
Gestern kam mein ältester Sohn spontan und unangekündigt zu Besuch. Ich war gerade bei einer Freundin auf einen Kaffee und auf dem Heimweg, als sein mittelalter Bruder mir das mitteilte. Sofort hat mein Herz einen Sprung gemacht, vor Freude. Wie ein Booster vor dem Sport. Wie das Lieblingslied von früher, dass auf einmal im Radio läuft. Ich habe mich so gefreut! Ich sehe meine erwachsenen Kinder nicht so oft – warum auch, sie arbeiten, sie wohnen nicht mehr hier, sie haben ihr eigenes Leben. Und dann haben sie Verabredungen, nicht mit mir. Aber es ergibt sich und sie gehen einfach danach mal heim, um uns zu besuchen. Könnte ja gut werden.
Ich bin also beschwingt weiter heim gegangen, mich auf K1 freuend, und dann war er gar nicht da. Nicht im Wohnzimmer, nicht in der Küche, die Toiletten waren auch frei. Ich fragte also K3, ob er mich eigentlich veräppeln wolle? Und K3 meinte nur, er wisse jetzt auch nicht, eben sei sein Bruder noch da gewesen. Und dann – kichert es albern und mein ältester Sohn kriecht unter dem Esstisch hervor. Ja, da hatte ich ihn nicht gesucht. Wer kann schon ahnen, dass sich knapp 30igjährige unter dem Tisch verstecken, hinter einem großen Sitzkissen?
Das. Diese kleinen Momente. Ein Blick zurück, wie er klein war und wie gern er sich versteckt hat. Ein Fühlen zurück, in eine Zeit, in der er Kind war. Mein erstes Kind war. Der große Bruder war. Immer mit mehr Verantwortung betragen als seine Geschwister. Das Los eines Erstgeborenen. Der sich später nicht gegen Verantwortung gewehrt hat, sondern sie zu seinem Beruf gemacht hat. Der als Haftrichter schnell und klar Entscheidungen treffen muss. Ein Mensch, auf den ich mich zu einhundert Prozent verlassen kann. Übrigens auch ein Mensch, der mir einen Oldie in die Playlist geschickt hat – ohne das Cover dazu. Weil wir kein Cover benötigen. Ebenso seine Schwester, die mir ebenfalls einen alten Song schenkte, ganz ohne Cover.
Ungeschminkt. Nicht alles braucht ein Cover. Wir tragen die alten Sachen, hören die alte Musik, lachen über alte Witze. Verstecken uns unter dem Tisch. Sind herrlich albern und sicher in all der Liebe, die uns verbindet.
Weil nichts das covern kann. Kein Layer, kein Filter, keine KI, kein Mix. Und wenn ich eine Möbelstück wäre, dann wohl eine Lampe aus den 70igern.
Ich habe keinen Schaff mit Coverversionen. Mitunter finde ich sie sogar gut. Sie bringen meist noch ein bisschen Neues mit rein, gesellschaftliche aktuelle Punkte, die in alten Filmen noch – alt halt – waren. Niemand möchte in echt die 50iger zurück. Und auch die 70iger klingen cooler, als sie waren. Andererseits ist der Wunsch nach der Retro vielleicht auch darin begründet, dass wir heute Zeiten haben, die sich später auch niemand zurückwünschen würde. Gerade was unsere Gesellschaft angeht, die politschen Strömungen, dazu die Wirtschaftskrise, die es für viele Menschen schwierig macht …
All das. Im Cover vereint. Der Wunsch nach Veränderung, hin zu einem Wunsch, das zu haben, was früher schön war. Schönes noch schöner machen, dabei war es doch schon gut genug.
Bleibt, mehr Neues zu schaffen, ohne das Alte zu vergessen. Nicht covern, was war, sondern verändern, zu einem was sein kann. In der Musik. Im Film. In den Familien. Mit der Mode. Für die Gesellschaft. Für unser Zusammenleben.

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