Croissant

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Worüber mag ich schreiben? Über Zahnfleisch, Croissants oder über Semestergebühren, die zurückerstattet wurden?

Die Woche fing jedenfalls schon so an, dass ich dachte, Autsch, trotz Erholung am Wochenende gehe ich ziemlich auf dem Zahnfleisch. Mein Zahnarzt konnte mir aber mitteilen, so schlimm sieht es gar nicht aus. Eigentlich sieht es sogar ziemlich gut aus, mein Zahnfleisch. Das ist ein sehr erfreulicher Befund, weil ich über die letzten, depressiven Jahre einiges an Zahnfleischschwund hinnehmen konnte. Ich habe nicht immer gut geputzt. Manchmal habe ich auch gar nicht mehr geputzt. Weder das Bad, noch meine Zähne.

Als Ergebnis dieser Fürsorge bekomme ich gern Paradontitis. Das wäre total vermeidbar. Wenn ich es denn vermeiden könnte. Aktuell kann ich. Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich wage das immer gar nicht zu schreiben, dass ich gesund sei. Ich habe dann Sorge, die Depression hört das und kommt empört herbeigelaufen, um mir die Zahnbürste wegzunehmen. Das fiese Ding!

Jedenfalls war heute die letzte Behandlung im Paradontose-Zyklus und ich habe alle Pikser mit guter Punktzahl bestanden. Keine Taschen im Zahnfleisch, in denen sich noch halbe Mahlzeiten versteckt halten. Keine Schmerzen. Keine Blutung. Keine Scham. Weil, natürlich schämt man sich, wenn man da als Erwachsene Frau auf diesem Stuhl sitzt und seinem Zahnarzt erzählt, dass man leider Ballaballa ist und deshalb keine Zähne putzen kann. Wenn man das einem Menschen erzählt, der selbst vor lauter Tatendrang und Lebensdurst fast aus der Hose hüpft, dann kann der damit wenig anfangen.

Das habe ich so oft erlebt, dieses totale Unverständnis, wie man denn „nicht wenigstens die Zähne putzen kann“. Tja. Was soll ich sagen. Kann man.

Und obwohl dieser Arzt das absolut niemals nachvollziehen konnte, so kann er es doch akzeptieren, ohne mich dumm dasitzen zu lassen. Ich bin seit Jahren bei ihm als Patientin. Wir lachen viel. Er würde mich nie auslachen. Ich komme mir nie vor wie eine Idiotin, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt. Im Gegenteil, er behandelt mich respektvoll und wertschätzend. Auf die Idee, ich sei weniger wert, weil ich eine Depression hatte, kommt er nicht. Die Depression bin ich nicht ich. Sie ist nur eine Krankheit, die sich manchmal eine Krankheit sucht, um sich anders zu zeigen.

Depressionen kann man ja nicht sehen.

Sie werden erst unübersehbar, wenn der Zug abgefahren ist.

Vorher fehlt ihnen der Gips am Bein. Also suchen sie sich andere Muster. In meinem Fall, mangelnde Zahnpflege, Paradontitis.

Ich habe auch einen Bruxismus und daraus folgend massive Verspannungen im Kiefer, im Nacken, im Schulterbereich. Das aber ist eher eine Folge von Stress und Regulation. Ich glaube, primär ist auch die Depression eine Folge von Stress und Regulation. Tatsächlich ist das aber nur ein Verdacht.

Wirklich bestätigt ist nur, dass ich unter Depressionen einfach nichts mehr auf die Kette bekomme. Ich bin dann dauerhaft erschöpft. Ich weine, wenn ich die Waschmaschine ausräumen muss. Wobei mir heute auch manchmal zum Weinen ist, wenn ich wieder Taschentücher mitgewaschen habe …

Im Ernst ist es dann Ernst, und die ersten Hinweise wirken harmlos. Mal keine Zähne putzen. Mal die Kontaktlinsen nicht wechseln. Diese Dinge.

Heute bin ich jedenfalls stolz, ich habe mich gut im Griff. Zur Belohnung habe ich mir dann ein zweites Frühstück eingeplant, mit einem schönen Croissant und einem Milchkaffee. Das habe ich mir total schön vorgestellt. Vorher bin ich noch die restlichen Einkäufe machen gegangen, das Croissant habe ich extra etwas weiter weg gelegt, damit mein Sohn es nicht findet.

Was soll ich sagen.

Eventuell riechen Croissants besonders?

Jedenfalls, mir lief schon im Treppenhaus das Wasser im Mund zusammen, vor lauter Vorfreude. Und dann musste ich doch noch 35 Minuten warten, bis mein Sohn vom Bäcker zurück war. Mit einem neuen Croissant …

Da war ich mir kurz nicht sicher, will ich da jetzt drüber lachen? Brauche ich doch große Post-Its um meine Croissants besser kenntlich zu machen? Bin ich im Grunde selbst Schuld, wenn ich so leckeres Zeug in der Küche liegen lasse? Immerhin ist mein Sohn direkt los gelaufen, um das Versehen ungeschehen zu machen.

Ich hoffe, er läuft auch morgen früh direkt los, um zu klären, was mit seiner Immatrikulation passiert ist. Weil, anstelle eine ordentliche Bestätigung zu bekommen, habe ich nur die Studiengebühren kommentarlos zurückerstattet bekommen. Im Online-Portal steht nichts dazu. Eventuell hat er irgendwas übersehen, sich nicht rechtzeitig gekümmert – und wie man sich fühlt, wenn man sich nicht rechtzeitig gekümmert hat, das weiß ich ja. Beschissen. Weil es doch eigentlich so leicht ist. Man muss ja nur die Zähne putzen.

Und, Just saying, es gibt Phasen, in denen geht das offensichtlich einfachste nicht.

Also bleibe ich gelassen. Es hilft ja auch nichts. Ein Croissant, dass nicht da ist, kann ich nicht essen.

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