Der Sommer meines Lebens

Der Soundtrack meiner Sommer spielt bei Nachbars im Garten zum Tanz auf. Ob Elton John, Toto oder Foreigner, es ist die Musik eines ganzen Jahrzehnts, das mit etwas frischem Wind über meinen Balkon ins Wohnzimmer schwappt.

Bis eben war ich noch auf der anderen Seite des Zauns, aber dennoch nur ein Zaungast. Ich habe mich gefreut, als langjährige Nachbarin zu diesem Geburtstagsfest eingeladen zu sein, und konnte doch feststellen, wie wenig ich in diesen 18 Jahren Nachbarschaft mitbekommen habe. Es ist fast, als wohne ich gar nicht hier. Um mich herum, Nachbarn von direkt und von zwei Straßen weiter, wie viel bekomme ich eigentlich aus diesen Menschen mit? Irgendwie – nicht viel. Viele Gesichter sind mir völlig unbekannt.

Mir ist bewusst, dass das durchaus an meinem Leben liegt. Es folgt keinem klaren Muster, ist wie eine Blaupause. Wo Andere nachbarschaftliche Verbindungen pflegen, sich in Vereinen engagieren oder ehrenamtlich im Kirchenvorstand arbeiten, da arbeite ich halt und habe fünf Kinder von drei Männern. Nix Ehre, nix Amt, übrigens auch nix Mann.

Es war schön, bis eben drüben bei der Nachbarin. Noch schöner ist es, jetzt hier zu sein. In meinem Wohnzimmer, die Balkontür offen, die Musik um mich, ich höre die Menschen reden und lachen und fühle mich – beschwingt. Ich kann ein Teil dessen sein. Oder auch nicht. Ich bin frei. Ein wunderbares Gefühl.

Ein bisschen so war es, in diesem besonderen Sommer meines Lebens. Wir haben eventuell alle diesen einen Sommer? Jedenfalls stelle ich mir das gern so vor. Dieser Sommer, den wir erst im Nachgang verstehen, dann, wenn wir schon wieder daheim sind, wenn der Herbst kommt.

Hatte ich erwähnt, dass der Baum vor dem Wohnzimmer bereits seit einer Woche den Herbst ankündigt? Es gibt diese eine Stelle in dieser Eiche, da verfärbt sich ein Bündel von Blättern deutlich früher. Und das liegt nicht an der momentanen Trockenheit. Es ist jedes Jahr so. Anfang August kündet es den Herbst an. An genau dieser Stelle streift auch der Frühling, meist schon im Februar. Ich sehe da hier von meinem Platz aus, an dem ich seit Jahren sitze, und manchmal denke ich, ich kenne den Baum besser als meine Nachbarn. Es ist aber auch so, er ist verlässlich, will nix von mir, ist einfach da. Würde einer der Nachbarn jeden Tag in meinem Blickfeld stehen, ich fände das sehr befremdlich …

Jedenfalls, dieser Sommer im Sommer, der von früher. Es ist ein schönes, leichtes Gefühl. Vielleicht ist er heute da, weil ich das Parfüm von damals aufgelegt habe. Die Musik, der Duft, ein gutes Gespräch, dass ich führen konnte.

Dieser eine Sommer. In dem wir alles hatten und nichts wussten. In dem Menschen Rührei mit Zwiebeln gegessen haben (bis heute kann ich das nicht verstehen), in dem wir nackt baden waren im Woog, in dem wir bis zum Morgengrauen auf dem 10er im Woog saßen, in dem wir etliche Parties gesprengt haben, eine Dauerkarte in der Krone hatten und so sehr intensiv waren.

Eine endlose Zeit.

Heute denke ich manchmal, bei Gott, wie sehr die Zeit rast. Ich habe heute die Planung für die Wochenenden bis Weihnachten beim Vater von K5 eingereicht und wir haben ein Wochenende zum Plätzchenbacken festgelegt.

Ich mein ja nur. So ein Jahr. So ein Sommer. Wie schnell vergeht der. Die Musik dazu, wie gleich klingt die. Wo schaffe ich Verbindung zu diesem Sommer hier, was wird mir in Erinnerung bleiben, wenn ich in ein paar Jahren darüber nachdenke? Der Sommer von 2026, was hat ihn ausgemacht? Ist es das Gefühl, mich genau richtig zu fühlen, hier sitzend und der Party bei meinen Nachbarn lauschend? Ist es der Tag vorher, den ich mit meinen Kindern in der Lochmühle verbracht habe? Ist es mein Sohn, mit dem ich vorhin auf seinem Bett lag und an die Decke geschaut und gekuschelt habe?

Was will ich in meiner DNA abspeichern? Den Duft von Guerlain, Shalimar und die Musik von Foreigner, Juke Box Hero? Oder von Oleta Adams, Get Here? Bleibt es auf immer ein Sommer im Sommer, weil dieser erste echte Sommer den Soundtrack für das restliche Leben bietet?

Ich habe den ersten Sommer seit langem, in dem ich mich nicht verloren fühle. Sogar die Nachbarn laden mich ein. Fehlt nur noch, dass ich demnächst nackt baden gehe im Woog. Und warum eigentlich nicht? Solange es noch Sommer ist. Solange nur die eine Stelle in der Eiche den Herbst ankündigt. So lange wir noch nicht vergehen.

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