Am Rande der eigenen Empfindungen. Diffus, an den Rändern scheint die Sonne durch. Wie ein Strohhut mit breiter Krempe. Sich darunter verstecken und doch ein wenig von der Sonne gekitzelt werden. Zwischen mir und der Wirklichkeit liegt geflochtenes Papier.
Der Sommer dreht sich noch einmal, aber nicht jeder lässt sich davon täuschen. Die Eiche vor dem Fenster beharrt darauf, zu wissen, dass wir bald in den Herbst gleiten. Diese eine Stelle im Baum, sie welkt bereits. Alles sonst steht saftig grün, aber mein Blick hat diese Stelle im Blick. Es ist dieselbe Stelle wie in jedem Winter und in jedem Sommer. Dort beginnt es. Dort beginnen die Jahreszeiten, die am lebendigsten sind. Die, die vom Wechsel künden.
Am Ende des Winters ist es diese Stelle an diesem Baum, die zuerst die Blätter ausrollt. Ich sehe es von meinem Küchentisch aus. Es berührt mich jedes Jahr wieder, weil es das Wachsen, das Gedeihen, das Blühen ankündigt. Und ebenso am Ende eines Sommers – dann zeigt sich an der Stelle das Verwelken, das dahingehen in den Herbst. Noch bevor alle anderen Bäume auch nur im Ansatz in den Farbmodus wechseln, fallen hier schon die ersten Blätter auf den Boden.
Ich sehe nur diese Stelle. Sie ist wie ein innerer Kompass, der mich vorbereitet auf das, was kommt. Wieder ein Sommer. Wieder ein Winter. Wieder ein Blühen. Wieder ein Vergehen. Wieder Leben. Wieder Ruhe. Wieder ein Wechsel im Spiel.
In diesem Sommer denke ich, dass ich kaum glauben kann, wie schnell es geht. Es scheint, als würde die Wirklichkeit sich beschleunigen. Jahre vergehen, ich sitze. Beobachte. Franse an den Rändern aus. Bin nicht sicher, lebe ich oder verbringe ich nur meine Zeit. Für wessen Nutzen?
Diesen Sommer habe ich viel gelesen. Von Sehnsucht. Von Familien. Von Liebe. Von der Suche nach dem Sein. Von der Verwirrung im Kopf. Von zu vielen Ideen und zu wenig Zeit, um zu entscheiden, welche Idee gelebt werden will. Von der Unruhe im Inneren. Dem Gefühl, etwas zu verpassen. Gerade dieses Gefühl ist stark in mir. Als würde ich erst jetzt leben und dachte, es sei nun an der Zeit, es endlich richtig zu tun.
Was, wenn es nur noch diesen Sommer gäbe?
Was, wenn die Bäume sich verfärben, ohne mich?
Was, wenn ich zu wenig wahrnehme, weil ich zu viel zu tun habe?
Was, wenn ich immer nur um die Arbeit drehe und nie ums süße Nichtstun?
Was, wenn ich zu wenig Zeit einfach nur damit verbringe, auszufransen und nicht mehr lerne, die Unruhe hinter dem nicht perfekt sein zuzulassen?
Was, wenn gerade diese Unruhe im Existieren die wahre Schönheit ist?
Die Unruhe macht mir Angst. Immer dann, wenn meine Tage nicht perfekt sind, kommt eine leichte Panik in mir auf. Ich dehne mich dann und befürchte, dabei einen Hexenschuss zu erleiden und mich nie wieder bewegen zu können. Meine Angst ist, dass ich die Kontrolle darüber verliere, mich zu kontrollieren. Meine Existenz ist eine Routine, die im besten Falle nicht unterbrochen wird. Muster, die sich wiederholen, um mir Sicherheit zu geben. Der Blick aus dem Fenster. Die Blätter in diesem Baum. Der Strohhut. Und der Plan. Jeden Tag ein Plan. Ohne Plan kommt die Unruhe, die Angst, unkontrolliert im Nichts zu versinken. Niemand zu sein.
Ohne Plan bin ich unglücklich. Ein paar Dinge geplant und erfolgreich zu erledigen gibt mir Sicherheit. Das Gefühl, bewusst zu sein. Zu existieren, mit Grund. Auch ohne Grund braucht es ein ruhiges, bewusstes Atmen und einen klaren Blick – sonst gehen wir unter.
Was, wenn das nicht möglich ist?
Weil das Sein fehlt?
Ich habe Angst, irgendwann nicht mehr aufzustehen.
Aber solange mich das Licht noch kitzelt und ich Freude empfinden kann, an den kleinen Dingen, ist vielleicht noch nicht alle Hoffnung verloren. Der Rest des Baumes grünt noch. Ich darf die letzten Tage im Sommer genießen, ohne schon im Herbst zu sein. Mein Leben hat noch Tage. Ich kann ihnen Sinn geben.
Ich muss nur eventuell noch herausfinden, welcher Sinn das sein soll.
Mich zu freuen, weil ich „Bad putzen“ von der ToDo-Liste habe streichen können, kann es nicht gewesen sein. Dann doch eher „Buch lesen mit Sonnenhut auf dem Balkon“.
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