ein Leben als Geschirrhandtuch

Besehen, in gegenwärtig vergessenen Momenten, gefühlt, im Vorübergehen. Schaufenster, die mein Sein spiegeln, ein alter Hut. Schilder, die auf Ferien hinweisen, ein Geschlossen im Sein, handgeschrieben. Noch echt. In der Bahn, ein junger Mann mit einem Cellokasten, mit einem Buch in der Hand. Wie ein Bild aus alten Tagen.

Vormals, als ich Geschirrhandtücher kaufte, in München. Ein kleiner Laden mit hochpreisigen Dingen, 12 Mark für ein Geschirrhandtuch, ein Unding. Wie verwende ich mein Geld? Jedenfalls nicht billig. Schon damals hatte ich erfahren, wie anstrengend billig sein kann. Geschirrhandtücher von Ikea, es ist noch heute so. Sie fusseln. Es bleiben Schlieren. Es ist vergeben.

Es waren drei Stück, kariert. Blau, grün, rot. Sie haben jahrelang getan, was ich von ihnen erwartet habe. Toll aussehen, in Form bleiben, Geschirr abtrocknen.

Ein Leben lang, toll aussehen und in Form bleiben, das habe ich nicht erwartet. Aber in ihrer Zeit haben sie meine Zeit schöner gemacht. Wenn schon von Hand spülen, dann bitte in schön.

Ich weiß noch, wie ich mich damals gefühlt habe, nachdem ich den Laden verlassen und drei Geschirrhandtücher im Kinderwagen liegen hatte. Ein wenig schlecht im Gewissen, zu viel Geld ausgegeben zu haben für Dinge, die es günstiger im Sechserpack kariert bei Ikea gegeben hätte. Ein erhobener Zeigefinger, der mich als Verschwenderin den Kopf einziehen lässt. Warum, warum nur konnte ich nicht widerstehen? Warum, warum nur verschwende ich mein Leben mit Geschirrhandtüchern?

Warum, warum nur, kann ich nicht zufrieden sein mit dem, was günstig ist? Warum möchte ich es besser haben, schöner, bunter, blumiger, kitschiger, leckerer? Warum die teuren Brötchen, wenn es doch auch Toastbrot gibt? Warum der gute Speck, wenn es doch auch Ja gibt? Und weiß ich eigentlich, wie gut es mir geht?

Zumindest die letzte Frage kann ich heute beantworten. Ja, ich weiß, wie gut es mir geht und ich bedankbar für all die Geschirrhandtücher, in all den Jahren.
Ja, ich weiß, dass es Luxus ist, inzwischen eine Geschirrspülmaschine zu haben und dennoch freiwillig die tollen Töpfe von Woll mit Hand zu spülen und mit Geschirrhandtüchern abzutrocknen, die wissen, wie das geht. Inzwischen sind sie nicht mehr kariert, oder nur selten. Sie sind immer noch bunt und gehobenen Preises. Sie durchleben Phasen, beginnend als Ausstellungsstücke, am Türrahmen hängend. Zu schön, um sie zu benutzen. Benutzt dann, bis zu dem Punkt, an dem sie zwangsläufig ausfransen, Löcher bekommen oder Flecken haben, die sich nicht mehr entfernen lassen. Dann ziehen sie um, ins Bad, als Lappen, die weiterhin wertvolle Arbeit leisten. Aufwischen, nachwischen, wegwischen. Bis zu dem Punkt, an dem sie als Fetzen im Müll landen. Ein Leben als Handtuch, in einer Zeitschleife von bis zu 20 Jahren.

Bin ich wirklich eine Verschwenderin?
Oder bin ich eine Sammlerin? Eine Bewahrerin? Eine intensive Nutzerin? Kein „billischwillisch“, sondern eine bewusste Käuferin, die sich die Brillengläser klar wischt, mit Geschirrhandtüchern?

Billischwillisch ist nicht meines, nie gewesen. Ich wünsche mir Qualität in meinem Leben. Qualität in den kleinen Dingen, verspielte Accessoires meines Lebens.

Ein Leben, schön und selten, einsam und besonders. Es ist, als verginge es im Flug, ich sehe mich noch dort, in München, mit dem Kinderwagen vor dem schönen Laden. Als sei es eben gewesen und in einem Augenblick vergangen.

Vom Ausstellungsmodus über den Nutzungsmodus bis hin zum Verfall. Und noch im Verfall ist es wertvoll und sinnvoll. Bis der Tag kommt, an dem es vorbei ist, an dem es vorüber ist. Ich möchte ein bewusstes Leben leben, ich möchte erst aussortiert werden, wenn ich nicht mehr halten kann, was ich versprochen habe. Erst dann entsorgt, wenn wirklich nichts mehr geht. Gern auch geflickt, an den Stellen, wo es möglich ist. Ich flicke selten Geschirrtücher. Vielleicht sollte ich das tun. Um das Leben noch länger zu bewahren. Die Idee gefällt mir.

Für mich selbst und mein Leben darf ich bewahren, was mich beweglich hält. Den Sinn fürs Schöne, den Sinn fürs Gefühl und die Beweglichkeit meiner Gedanken. Auch, die Beweglichkeit meines Körpers. Er ist langsamer geworden auf dem Weg ins Bad. Ich kann mich weniger gut bücken. Mein unterer Rücken schmerzt. Ich laufe wie eine alte Frau. Ich verliere meinen Leichtsinn. Ich habe nur ein Leben, zu kurz, um schlechte Geschirrhandtücher zu haben. Zu früh, um einzurosten.

Pflege, meiner Selbst. Meines Lebens. Meiner Leidenschaften. Meines Sinns. Meiner Beweglichkeit. Seit Monaten pflege ich nur das Leid, den Elefanten und räume seinen Stall auf. Mache Essen für Andere. Es wird Zeit, wieder für mich zu kochen, mich neu zu verlieben in mein Leben und mich zu bewegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert