Nichtssagend sitze ich im Freiluftkino in Frankfurt und lausche der Unvereinbarkeit.
Es ist früher Samstag Abend, die Reihen um uns füllen sich so langsam, wir haben tolle Plätze und warten jetzt nur, dass es dunkel genug wird für den Film. Hier bestimmen äußere Umstände das Erlebnis. Wie so oft im Leben.
Die Kulisse erzählt ihre eigene Geschichte. Verfallen im Innenhof, die alte Tankstelle, kaputte Fenster, zerstörte Fassade und ein wenig Hoffnung in Form von Pflanzen, die aus den Mauerritzen wachsen. Der perfekte Ort für anspruchsvolle Filme und Gesprächsthemen, die unter der Oberfläche kauern.
Ich bin mit meiner Kino-Freundin hier. Wir sehen uns regelmäßig, und gehen dabei regelmäßig ins Kino. Es ist schön, jemand zu haben, der auch cineastisch begeistert ist und es feiert, im Programmkino Filme zu schauen, die nicht die Kinokassen übersprudeln lassen. Wobei wir auch Blockbuster anschauen, wie heute. One battle after another ist jetzt kein Film, der keine Aufmerksamkeit erregt hat. Zu Recht, übrigens. Er ist grandios, bildgewaltig, voller Ausdruck und mit einer Reihe von Schimpfwörtern, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Er stellt auch kritische Fragen, ohne sie zu stellen.
Wir sind diesmal nicht zu zweit unterwegs. Meine Freundin hat eine weitere ehemalige Freundin dabei und ihren Mann. Wir sitzen zu viert, Mann, Freundin, meine Freundin, ich. andere Gesprächsdynamik und die fast zwei Stunden von Einlass bis Beginn des Filmes wollen auch gefüllt sein.
Die Gespräche drehen sich schnell in Richtung Urlaub, da wir gerade aus eben diesem zurück sind. Es dreht sich um das Leben und Reisen und Arbeiten mit Kindern und die Unmöglichkeiten, die damit einhergehen. Ich spüre die Galle, die überläuft. Die unverdaulichen Gefühle. Die Protagonisten, eine kinderlose, erfolgreiche Frau Anfang 50 und eine Frau in der Teilzeitfalle, mit drei Kindern. Ich, die beruflich erfolgreicher Frau Anfang 50, alleinerziehend, fünf Kinder, sitzt nur fürs Protokoll daneben. Nichtssagend. Und, halt – ich bin ja gar nicht beruflich erfolgreich. Ich bin ja Arbeitslos! Ganz vergessen. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht nicht um Karriere.
Es geht um Vereinbarung mit einem ganz banalen Job und die Unmöglichkeit, in Vollzeit zu arbeiten.
Es sei ihr mit diesen Kindern und den Betreuungsmöglichkeiten einfach nicht möglich gewesen, sagt meine Freundin. Es sei für niemanden wirklich möglich, im Vollzeit zu arbeiten und Kinder zu haben. Ich möchte im Grunde zustimmen, weil es wirklich nahezu unmögliches von uns fordert, mit Kindern in Vollzeit zu arbeiten. Es fordert in jedem Fall Wege, die abseits der Norm laufen.
Dennoch werfe ich einmal ein kurzes „ich habe immer in Vollzeit gearbeitet“ ein und bekomme ein raunziges „ja, aber das ging nur, weil du im Homeoffice arbeiten konntest“ zurück von meiner Teilzeitfreundin.
Ich bin erstaunt und halte meine Klappe. Ja, schmälert das meine geleistete Arbeit? Ist sie nicht so viel wert, weil ich sie in Teilen von daheim erledigen konnte? Ist dieses „ich habe mir die Rahmenbedingungen geschaffen, um arbeiten zu können“ negativ? Meint sie mich? Oder meint sie sich selbst? Um was geht es hier wirklich?
Ich halte mich ab hier raus, weil ich davon ausgehe, dass es nicht um mich geht. Es ist ihr Frust, der sich Bahn bricht. Kinder, Job, und am Ende wenig Rente. Schlechte Rahmenbedingungen, alles bitter. Und für was das Alles?
Der Einwurf, dass ich meinen Job ja nur in Vollzeit geschafft habe, weil ich im Homeoffice gearbeitet habe, fühlt sich dabei etwas seltsam an. Wobei ich zustimmen muss, allein mit den Betreuungsmöglichkeiten, die man mit Kindergarten & Co. normal buchen kann, wäre meine Arbeitswelt nicht möglich gewesen. Es braucht schon viel Flexibilität, auch auf Seiten des Arbeitgebers und darüber hinaus ein stabiles Netzwerk, um diesen Akt zu drehen.
Weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass mir der Staat oder mein (Ex-)Partner oder wer auch immer das optimale Erwerbsbild entwirft. Zu sagen, ich kann dies und das nicht, weil es keine passende Betreuungsmöglichkeiten gibt, halte ich für schwierig. Es gibt immer was zu beklagen und zu jammern, das stimmt. Ich habe aber auch immer die Möglichkeit, mir meine Realität selbst zu entwerfen, einen eigenen Plan zu machen. Niemand hindert mich im Außen daran, meine Vision umzusetzen. Und wenn das „im Homeoffice“ stattfindet, und andere denken, dass sei dann keine „echte Arbeit“, dann ist das nur, was die Anderen denken.
Ja, ich habe nie Schicht im Krankenhaus gearbeitet, nie Schicht im Supermarkt und ich hatte auch keinen Job, bei dem ich täglich um 6 Uhr morgens auf der Matte stehen musste. Das ist privilegiert, und ich weiß das. Ich habe an anderen Orten gearbeitet. Das war meine persönliche Wahl. Naja, oder, das hat sich damals einfach so ergeben. Es hätte auch anders kommen können. Ich habe meine Karriere nicht gewählt, ich habe nicht designt, ich habe sie genommen, wie es kam. Eine Schlacht nach der anderen, und ich habe sie alle gewonnen. Oft mit starken Verlusten. Aber ich bin aufgestanden und habe mir Lösungen gesucht.
Gejammert? Na, das habe ich natürlich auch. Es ist erstmal einfacher, zu lamentieren, wie unmöglich alles ist. Es bringt mich nur halt keinen Meter weiter.
Diese Meter weiter. Dieses „das geht alles nicht, und die Umstände sind Schuld, dass ich in der Teilzeitfalle hänge“. Ich weiß ja nicht. Sind die Umstände Schuld? Ist Schuld überhaupt die richtige Frage? Bin ich selbst Schuld, weil ich mir keinen Urlaub leisten kann? Was ist die Prio im Leben? Was ist die Prio in MEINEM Leben? Weil, das Leben der anderen, ich weiß ja nicht. Das sind deren Kämpfe.
Ich jedenfalls habe vieles möglich gemacht, und ich habe entsprechend den Preis dafür bezahlt. Wie so viele Menschen. Wir wissen erst, wie es ihnen wirklich geht, wenn wir ihnen zuhören, intensiv und aufmerksam. Meine Freundin gestern hat ihre Not kundgetan. Bei einer Freundin, die in ihren Augen vermutlich besser dasitzt als sie selbst. Eine Freundin, die Zeit hat, die jederzeit verreisen kann, keine Kinder im Schlepptau, viel Geld im Job. Geil. Und auf der linken Seite sitzt die Freundin, die noch betreuungspflichtige Kinder hat und dennoch seit Jahren bis letztens in Vollzeit gearbeitet hat.
Ja, wie zerrissen muss sich meine Freundin gestern gefühlt haben? Ich bin mit gutem Grund nichts sagend geblieben. Es hätte sich nicht gelohnt, mich weiter einzubringen. Das wäre ähnlich sinnvoll gewesen, wie einen Ölbrand mit Wasser löschen zu wollen. Es hätte nur zu mehr Zerstörung geführt. Ich habe mich für Mitgefühl und Verständnis entschieden, indem ich mich einfach aus diesem Gespräch herausgehalten habe.
Mitgefühl und Verständnis für jedweden Lebensentwurf und für jedwedes Bedauern in meinem Umfeld fällt mir nicht leicht. Ich habe selbst schon oft genug gedacht, wie schwer ich es doch habe und wie privilegiert die Anderen doch sind …
Ich kenne den Neid. Er ist wirklich kein guter Sitznachbar.
Wie wir leben, ist oft nicht selbst gestaltet, sondern stark geprägt von unserem Umfeld und den Gegebenheiten. Vom Zufall mitunter auch.
Oder aber, von unserer Kraft, zu gestalten. Und die ist unterschiedlich verteilt. Wir können nicht alle Helden sein. Manche von uns sind Nebendarsteller am Kriegsschauplatz. Wie im Film gestern, da tauchen auch Figuren auf, die ich nicht zuordnen kann. Was ist deren Aufgabe, was deren Motivation? Wie leben sie? Wie sind sie geprägt? Wieso tun sie die Dinge, die sie tun, wie entscheiden sie? In einem Fall war es der weiblichen Hauptperson hilfreich, hat ihr Leben gerettet, aber sein Leben gekostet. Warum? Das bleibt im Verborgenen. Es ändert alles und verrät das Warum der Nebenfigur nicht.
Es geht nun aber nicht um die Nebenfiguren. Oder um die Sitznachbarin. Es geht nicht mal um meine Freundin, wobei sie mir in der Not, die ich gestern zwischen den Stühlen hören konnte, natürlich wichtig ist.
Es geht nicht darum, ihr aufs Brot zu schmieren, dass doch alles möglich ist, wenn sie es nur Doll genug will. Weil das nicht die Wahrheit ist. Wir müssen es nicht „nur wollen“, wir müssen es auch tun (können), und das tun ist nicht immer möglich. Es gibt Phasen im Leben, und in mancher Leben ist das eine dauerhafte Phase, in der wir nicht voran gehen, sondern froh sind, wenn wir im Sog des Lebens nicht direkt untergehen. Wir sind Marionetten in uns selbst und das Hamsterrad hält uns zwar in Bewegung, aber diese ist sehr klein. Der Alltag in Dauerschleife. Es ist ein Kampf nach dem Anderen, ohne Aussicht, jemals aussteigen zu können.
Bewusst aus dem Rad zu springen bedeutet, schwere Verletzungen zu riskieren. Es ist ungewiss. Es kostet mehr Kraft, als stetig weiterzulaufen. Es bedeutet, das eigene Leben zu designen. Sich Lösungen zu suchen. Auch für Betreuung der eigenen Kinder. Das geht. Dass es geht, habe ich bald 30 Jahre lang selbst ausprobiert. Es geht aber nur mit Risiko. Wer das Risiko nicht bereit ist einzugehen, der darf weiter den Hamstern geben, aber bitte in Zufriedenheit. Weil es eine bewusste Entscheidung ist, nichts zu tun. Jedenfalls sehe ich das so. Wenn ich mich bewusst nicht ins Risiko begebe, sollte ich zufrieden damit sein. Wenn ich nicht zufrieden damit bin, sollte ich mir bewusst machen, warum das so ist.
Die Wahl haben wir immer. Die Möglichkeiten sind vorhanden. Wir müssen nicht warten, bis es dunkel wird. Wir können unseren Film auch sofort starten lassen. Es sind nicht die äußeren Umstände, die uns beschränken. Das Wetter, das Licht, die Betreuungsmöglichkeiten. Es sind die inneren Umstände, die entweder die Zufriedenheit oder den Neid wachsen lassen.
In Kürze schreibe ich darüber, wie ich es wirklich geschafft habe, immer in Vollzeit zu arbeiten. Es gehörte nicht viel dazu. Es gehörte sehr viel dazu.

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