Juhu, eine neue Klasse für mich! Auf dem Heimweg vom Elternabend wurde ich im Treppenhaus für eine Klassenlehrerin gehalten. Das ist das Level im Elterngame, dass ich noch nie erreicht habe. Ich glaube, ich bin nah am Game over.
Ich bin total vertrauenserweckend! Oder spießig oder langweilig oder souverän oder selbstbewusst oder einfach jemand, dem man zutraut, dass er sich um 25 Kinder in der 5. Klasse kümmern könnte. Ob das am Fahrradhelm lag? Oder am Rucksack, der farblich zum Helm passt? An der Leinenhose (dass die schon eine Woche an meinen Beinen klebt, sieht man ihr ja nicht an, Leinen ist nach 3 Minuten total zerknittert)? Vermutlich an der Bluse von King Louie im Retrostyle, die ist schon sehr verdächtig. Nahezu professionell. Aber nein, ich bin keine Lehrerin. Ich bin nur Mutter in der fünften Runde, die schon ziemlich viel gesehen hat und sich nur noch über wenig wundert.
Dabei gäbe es viel zu wundern. Auch, zu bewundern. Hier, die gute Organisation dieser Schule. Wir haben vorhin unaufgefordert die Schulbescheinigungen der Kinder in die Hand gedrückt bekommen. Respekt! Was bin ich bei zig anderen Schulen diesem Dokument hinterhergelaufen. Ich brauchte es aus vielfältigen Gründen. Stipendium, Bafög oder einfach nur das Schülerticket. Und ja, auch, wenn das Kind 8 Jahre alt und in der Grundschule ist. Egal. Man muss ausschließen, dass es bereits erfolgreich eine Firma gegründet hat oder Großgrundbesitzer ist. Wirklich!
Ich habe jetzt zweimal G8 am Gymnasium hinter mir, einmal G9 mit Wechsel nach der 8. Klasse auf die Realschule sowie danach einer Fachoberschule sowie eine Gesamtschule mit Berufsschule im Anschluss. Viele Wege. Zweimal Universität, einmal FSJ, einmal direkt in Ausbildung, einmal Hochschule.
Wobei, Stopp, das mit der Hochschule sieht gerade nicht gut aus. Hier wunderte ich mich bereits gestern, über die kommentarlose Rücküberweisung der Studiengebühren fürs Erstsemester. Mein Verdacht war die M10-Meldung der Krankenkasse. Und siehe da, mein Verdacht hat sich heute bestätigt.
Mein Sohn hat bei der Anmeldung alles mögliche angegeben, auch seine Krankenkassenversicherung samt Mitgliedsnummer und dass er familienversichert ist. Habe ich gedacht, dass das ausreichend ist? Ja, zugebenermaßen habe ich das gedacht.
War das ausreichend? Nein, offensichtlich nicht. Das System wartet im Hintergrund geduldig an der Schnittstelle auf die M10 Meldung der Krankenkasse. Als Bestätigung, dass dieser Mensch wirklich krankenversichert ist. Mir war das nicht bewusst. Und tatsächlich habe ich mich auch nicht als Studentin beworben. Und hätte ich mich als Studentin beworben, hätte ich erwartet, dass mir das mal gesagt wird. Oder geschrieben wird. Oder im Tool steht. Oder das mein Antrag nicht durchgeht, weil noch Dokumente fehlen. Oder IRGENDWAS? Wirklich?
Ich suche ungern Fehler im Außen. Hier aber denke ich, bei Gott, mein Sohn ist manchmal noch etwas verpeilt. Und damit ist er wahrscheinlich nicht allein in dieser Welt. Er ist davon ausgegangen, im Online-Tool stand „in Bearbeitung“, dann ist doch alles gut. Ist ja in Bearbeitung. Das im Hintergrund gerade die Zeit abläuft, stand da nicht. Da stand auch gestern noch „in Bearbeitung“, da war die Studiengebühr schon zurückerstattet.
Ich finde, an der Stelle könnte das digitale Tool mal nachbessert werden. So ist das nicht sehr Userzentriert. Ich lasse doch meine angehenden Studierenden nicht so im Regen stehen?
Ich muss mich jedenfalls wundern. Und finde es auch ein wenig dramatisch, weil der Zug laut Telefonat heute wohl abgefahren ist. Frist versäumt, Pech gehabt, nehmen Sie bitte den nächsten Zug. Wie, der kommt erst in einem Jahr? Ja, sorry.
In Zeiten von ChatGPT kann ich tatsächlich kaum glauben, dass mein Sohn sich null informiert hat. Das kann man alles ungestraft fragen. Hätte ich ihn darauf hinweisen müssen? Hätte ich es wissen müssen?
Nun ja, ich gehe dieser Frage jetzt nicht nach, ich neige ja sowieso zum „ich bin für alles verantwortlich und sowieso an allem Schuld“. Dieser Schuh drückt.
Meinem Sohn habe ich geraten, morgen bei der Krankenkasse vorzusprechen. In Persona. Die M10-Meldung unverzüglich auf die Reise zu bringen und an die Hochschule übermitteln zu lassen und sich eine Bestätigung per Mail zu holen. Damit geht er dann am Donnerstag an die Hochschule und spricht vor Ort mit Menschen. Überlicherweise sind Menschen nett und helfen. Da macht auch der Ton die Musik.
Es ist saublöd, dass diese Situation überhaupt eingetreten ist. Aber jetzt ist sie nunmal da – und da bleibt nur, Vollgas nach vorne zu geben. Fehler eingestehen, sich entschuldigen, sich eventuell auch ein Stück naiver geben, als man eigentlich ist. Demütig sein. Bitte sagen. Und hoffen, dass ein Wunder geschieht.
Es würde mich doch sehr wundern, wenn das nicht klappen sollte.

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