Honey

Aber nichts schmeckt so unvergleichlich wie Quark mit flüssigem Honig. Gern auf einem frischen Brötchen oder mit Sonnenblumenkernen aus einer schönen Schüssel.

Ich sitze entspannt bei einem späten Frühstück, der Honig schimmert mit den Sonnenstrahlen um die Wette, beides tropft in Fülle vom Brötchen. Ich lecke meine verklebten Finger ab und fühle mich jung. Ich will schreiben, diesen Moment einfangen, auch wenn mir klar ist, dass er flüchtig ist, wie ein besonderer Geruch.

Diese Kombination aus Sonne, einer Brise Leichtigkeit, Quark, Honig und einem frischen Brötchen ist für mich unvergleichlich. Sie beamt mich direkt zurück an einen Tag in meine jüngeren Jahren, ist emotional an mich selbst als 18jährige junge Frau gebunden.

Geprägt von Honig bin ich seit meiner Kindheit. Mein Vater aß besonders gern süß zum Frühstück. Honig und Marmelade war für ihn wichtig, immer in Kombination mit Quark. Marmelade kochte er selbst ein, das war seine Passion. Honig wurde in großen Behältern im Reformhaus gekauft. Es gab jeden Tag Süßes aufs Brot. Honig, mit so einem gedrehten Holzlöffel, damit er besser abtropfen kann. Der Holzlöffel verblieb im Glas. Wir hatten auch einen Honigspender, aus dem man den Honig „abpumpen“ konnte. Beides klebte auf seine ganz eigene Weise.

Ich esse in meinem heutigen Alltag fast ausschließlich ein süßes Frühstück. Marmelade, Honig und Quark steht jeden Morgen auf meinem Speiseplan. Kein Wunder, bleibe ich eine süße, kleine Knutschkugel. Aber das ist ein anderes Thema.

Mir ist diese Gewohnheit meines Vaters ins Blut übergegangen. Ein Brötchen mit Schinken und Käse macht mich nicht im Ansatz so glücklich wie mein süßer Zahn. Dabei hole ich im Alltag meist festen Honig. Er lässt sich besser portionieren, kleckert weniger und ist alles in allem die sauberere Lösung.

Deutlich lieber esse ich flüssigen Honig. Tannenhonig. Kastanienhonig. Krass lecker! Letzte Woche in München habe ich Münchner Stadthonig gekauft und damit einen Volltreffer in Sachen Genuß gelandet. Dieser Honig hat so ein intensives Temperament, den würde ich am liebsten einfach pur naschen.

Diese seltenen Momente, in denen uns die Vergangenheit besucht, weil alle Zutaten stimmen. Die Zeit, das Licht, der Honig. Es war Sommer. Sommerferien. Ich war gerade 18. Ich hatte eine Wohnung gefunden in Darmstadt, nach den Sommerferien sollte ich in einer neuen Schule starten. Es war einer der letzten Tage im Internat. Ich saß in einem der Gemeinschaftsräume im Mädchenwohnheim.

Es war ein Samstag. Ziemlich sicher ein Samstag, mein Brötchen vom Vortag war noch total frisch. Mittagsbrötchen, vom Bäcker Heberer, bei dem ich damals noch arbeitete. Ich fühlte mich – frei. Frei von diesen Zwängen im Internat. Frei vom „ich gehe in den Speisesaal und esse kaltes Brot mit billigem, portionsweise abgepackten Honig“. Frei von Zweckmäßigkeiten. Frei von Anpassungen. Frei, meinen Honig zu essen, wann ich das will und dabei ein wenig zu tropfen.

Ich hatte meinen eigenen goldenen, flüssigen Honig. Ich hatte Quark. (Wir hatten einen Kühlschrank im Gemeinschaftsraum). Ich hatte die Brötchen. Ich hatte die Zeit. Ich hatte das Gefühl, mein ganz Leben atmen zu können. Meine Zukunft zu schmecken. Es fühlte sich alles richtig an. Leicht. Friedlich. Frei. Golden.

Eben, in meiner Gegenwart, saß ich mit meinem Quark-Honig-Brötchen in meinem heutigen Gemeinschaftsraum, mit offener Balkontür, und fühlte mich wie damals. Süß und klebrig und glücklich. Mein Leben schmeckt so gut. Es tropft ein bisschen auf die Finger und der Teller ist verklebt, aber das macht nichts. Kleine Schäden lassen sich immer noch reparieren.

Mein damaliges Ich fühlte sich an diesem Tag zuversichtlich und zufrieden. Der Moment damals war mir sehr bewusst und ist es bis heute. Es war ein innehalten im Brötchen halten. Ich war zu 100 Prozent anwesend in meinem Leben und wusste, gerade ist es besonders. So wird es sein, in meinem Leben. Ich werde mich selbst gestalten.

Tatsächlich war ich damals in Aufbruchsstimmung. Ich wusste, dass ich bald mein Zimmer umziehen würde, in meine erste, selbst organisierte Wohnung. Ich war an der Schwelle zum Erwachsen. Und da war keinerlei Angst, nur einfach viel Zuversicht für eine goldene Zukunft, die vor mir lag.

Diese Zuversicht, dieses Gefühl, genau richtig zu sein, das vermittelt mir die Kombination Honig mit Quark bis heute. Es hat sich zu einem starken Anker entwickelt, wie ein Deja Vu. Es kommt nur selten, aber wenn es kommt, füllt es mich mit Lächeln, von innen heraus. Ich möchte der jungen Frau von damals zurufen, dass sie alles richtig gemacht hat. Dass sie wunderbar war. Um dann festzustellen, sie ist hier. Ich bin hier. Ich bin richtig wunderbar.

Zweifel hatten keinen Platz am Tisch. So auch heute. Dieses Gefühl von junger Zuversicht und naivem Glauben daran, dass es eine aufregende Reise werden wird, das ist heute anwesend. Wie ein lauer Wind, der mir den Rock um die Beine legt. Sanft. Zweifel dürfen einen Moment der Sprachlosigkeit erleben. Ihnen die Nahrung zu entziehen gefällt mir gut.

Das Bild dahinter ist stark. Vielleicht ist das Frühstück auch aus diesem Grund meine liebste Mahlzeit des Tages. Wenn ich die Möglichkeit habe, sitze ich gern sehr lange an meinem Platz am Tisch. Gerade in den Ferien, oder wenn die Kinder nicht da sind, genieße ich diese besonders ruhigen Momente mit mir und sinniere. Oft sind das die Momente, in denen ich schreiben möchte und es auch tue – wie gerade jetzt.

Dieses Mädchen von damals. Ich habe mir keine Gedanken darum gemacht, wie es sein wird. Es war mir egal. Es gab kein richtig oder falsch, es gab nur ein jetzt. Ich habe gemacht. Ich habe nicht gezweifelt. Nicht überlegt, was die bessere Alternative gewesen wäre. Nicht in Frage gestellt. Mich nicht in Frage gestellt. Ich habe schnell entschieden, das tue ich bis heute noch. Ich habe darauf vertraut, dass es gut werden wird, weil es keinen Grund zur Annahme gab, dass das Leben mir Böses wolle. Sogar darüber habe ich aber gar nicht nachgedacht. Ich habe gelebt. Mit allen Sinnen.

Kein Plan. Keine Idee von einer Zukunft. Nur das Bewusstsein, dass alles, was kommt, Gegenwart wird und ich diese genießen möchte, wie ein Brötchen mit Quark und flüssigem Honig. Das Leben tropft und ist süß. Daran hat sich nichts verändert.

Einfach machen, es könnte ja gut werden.

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