Die Trägheit, sie fasziniert und erschüttert mich zugleich. Unvergessen all die Protagonisten in alten Filmen wie „Men in black“, die in einsamen Videotheken sitzen, den ganzen Tag in schmierigen T-Shirts gamen und abends immer Pizza bestellen. Denen es ganz offensichtlich nicht wichtig ist, etwas vom Leben zu wollen, außer Trägheit.
Trägheit ist scheinbar eine meiner sieben persönlichen Todsünden.
Dabei ist es ab und an ganz empfehlenswert, sich der Trägheit hinzugeben. Sie kommt vom Tragen. Wer viel trägt, braucht eine Pause. Und ich trage eine Menge. Mitunter denke ich, all das, was ich trage, könne sich zeigen, wenn ich träge bin. Mich niederstrecken. Die Küche verwahrlosen lassen. Mich einfach erschöpfend umhauen.
Weil, in Wahrheit habe ich keine Angst vor der Trägheit. Ich habe Angst vor dem, was sie zeigt, was ich auch bin. Müde nämlich. Dabei durchaus in der Lage, stundenlang am Feld zu stehen und den Kühen zuzuschauen.
Wobei, mein Impuls gestern, am Feld war nicht, zu stehen. Es war eher ein, weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen …
Wir stehen. Mein Sohn schaut. Seit unserem Urlaub letzten Sommer auf einem Bauernhof ist er großer Fan von Kühen. Die Kühe sind allerdings auf der anderen Seite der Weide, ich muss die Kamera auf Zoom stellen, damit sie im Bild besser sichtbar sind. Sie sind weit weg! Mein Sohn steht trotzdem und schaut und nach vielleicht drei Minuten frage ich ihn, ob wir jetzt weiterfahren wollen?
Wir? Wollen? Weiterfahren? Warum?
Er scheint diese Form von „bleib bloß nicht länger stehen, die Trägheit könnte dich niederraffen“ schon verinnerlicht zu haben, er setzt sich rückwärtsgehend in Bewegung. Er dreht sich aber nicht um. Ich sehe in seiner Bewegung, dass er jetzt aufs Fahrrad steigen würde, wenn es sein müsste und ich nehme in mir wahr – es muss nicht. Es ist alles offen. Wir können jetzt heim fahren oder in einer halben Stunde oder in drei Stunden. Es ist egal. Es ist nichts, was uns terminlich bindet. Wir sind frei, träge zu sein.
„Wenn du die Kühe noch weiter beobachten willst, dann bleiben wir einfach hier.“, höre ich mich sagen. Die Schritte gehen wieder vorwärts und stehen, an derselben Stelle, versunken. Ich lasse wirken und gebe mir innerlich frei.
Frei für Kühe.
Alles ist innerlich getaktet, immer. Hier ein Termin. Dort der Wunsch, noch eine Stunde ins Café zu gehen. Geschäfte öffnen oder schließen, Busse fahren oder haben Verspätung, den besten Platz in der Sauna bekommt nur, wer direkt bei Öffnen der Türe dort ist, lüften geht frühmorgens besser als mittags, Pflanzen wollen im Sommer lieber abends gegossen werden und Klavierspielen nach 22 Uhr stört die Nachbarn.
Wir haben heute ausgeschlafen. Bis 10 Uhr! Spät gefrühstückt und jetzt treiben wir so in den Tag. Mein Sohn hat seine „Zock-Zeit“, ich hatte „Lese-Zeit“ und im Lesen kommen mir oft auch eigene Gedanken und gerade an diesen freien Sonntagen geben ich ihnen den Raum und lasse sie raus. Bis abends wäre dieses Gefühl wieder weg und meine Worte wären andere. Es ist schön, auch von diesen Worten gefunden zu werden.
Ich frage mich, warum mich ein „ich tue nichts“ innerlich so verunsichert. Natürlich tue ich immer etwas. Atmen zum Beispiel. Meist auch, denken. Mitunter lasse ich mich wirklich treiben, und denke wenig. Dann sitze ich so herum. Lese. Schlafe. Schaue einen Film. Esse. Wenn ich mich diesem süßen Nichtstun hingebe, bekomme ich ganz schnell Bauchweh. Es geht mir nicht gut damit. Ich werde unruhig, verurteile mich selbst als Faulenzer und Nichtsnutz und habe Angst, etwas in meinem Leben zu verpassen. Das Leben geht eh so schnell vorüber, ist es da nicht wichtig, jeden Moment zu nutzen? In fünf Minuten Pause kann ich auch eben noch die Spülmaschine ausräumen. Den Müll runter bringen, der stinkt eh schon gen Himmel. Die Waschmaschine stellen. In fünf Minuten passt eine Menge.
Oder nichts.
Dieses Nichts, dem scheint mein Zugang versperrt zu sein. Gestern an der Kuhweide konnte ich das gut aushalten, weil ich es für meinen Sohn getan habe. Dann ist es anders. Dann kann ich durchatmen und mich hängen lassen. Dann tue ich nicht nichts, dann begleite ich mein Kind und gebe ihm den Raum, ohne mein nichtsnutziges Muster in sich selbst aufzuwachsen. Dann geht es mir gut, weil ich mit ihm außerhalb der Zeit bewege.
Wenn ich das mit mir selbst tue, ist es schwieriger. Ich kann es überbrücken, indem ich fotografiere. Dann wieder tue ich etwas, und sei es, den besten Moment einzufangen, das richtige Licht abzuwarten. Das ist mehr als Nichtstun. Und dennoch bleibe ich in diesen Momenten an einer Stelle, rühre mich nicht, bin total im Moment. Ohne jegliches schlechte Gewissen, weil etwas dabei entsteht. Ein Bild. Eine Bestätigung der Tätigkeit.
Trägheit hat kein Bild, dass ich stolz nach außen reichen möchte. Trägheit macht mich platt. Anstelle entspannt aus der Trägheit aufzustehen, bleibe ich hängen wie in einem Sog aus Treibsand. Ich ploppe fest. Ich bin gefangen.
Und das mit Recht! Weil ich im Grunde innerlich unfassbar müde bin und tatsächlich mal tagelang gar nichts tun sollte. Die Sorge ist dahingehend, dass das aber keine Tage sind, sondern eher Wochen. Vielleicht Monate. Ich will mich nicht gehen lassen, den Preis dieser Trägheit will ich nicht mit meinem Leben bezahlen. Ich habe Angst davor. Trägheit könnte Krankheit sein. Perspektivlosigkeit.
Das ist keine Perspektive.
Das ist ein Abgrund.
Der öffnet sich nicht an der Kuhweide, weil wir von dort mit dem Rad nach Hause fahren konnten.
Der Abgrund öffnet sich in anderen Banalitäten. Und deshalb brauche ich leider doch feste Uhrzeiten, einen Plan, Verabredungen. Weil ich sonst mit einem ollen T-Shirt mit fettiger Pizza in einer dunklen Kaschemme mit alten Videos verrotte. Antiheldin.
Und sogar die finden am Ende des Films eine Aufgabe, lösen sich von den Müttern, bei denen sie mit Mitte 30 noch leben, finden eine Freundin oder können mit ihrem Wissen aus uralten Filmen einen aktuellen Kriminalfall lösen. Auch sie werden aus der Trägheit erlöst.
Ich begebe mich heute also mutig in die Trägheit eines Tages, habe mir dabei aber bereits drei Anker ausgeworfen:
Farbmalkästen sondieren. Wir haben vier Stück. Die werden in Teilen so zusammengesetzt, dass daraus einer wird, den K5 gut mitnehmen kann in die nächste Klasse. Noch einen fünften Kasten für die fünfte Klasse zu kaufen erscheint mir sinnlos.
Liste schreiben für die restlichen Schulsachen, die wir noch nicht eingekauft haben, um sie kommende Woche gezielt besorgen zu können.
Speedminton spielen.
Bewegung und Aufräumen wird in diesen trägen Tag mit eingebaut. Der Rest darf seicht mitplätschern. Ein wenig Wäsche, ein wenig Küche, als nächstes der Müll. Immer raus damit.
Ich gönne mir träge Erholung und beruhige mein Gewissen mit kleinen Happen Bewegung.

Schreibe einen Kommentar