Wie weit kann ich gehen? Wie weit will ich gehen? Wie weit will ich mich gehen lassen? Wer lässt mich gehen? Was lasse ich gehen? Wann gehe ich – ein?
Zwei gehe ich selten. Meist gehe ich einfach. Mal hierhin, mal dorthin. Bleibe stehen, verweile, komme in Unruhe. Stehe auf, gehe weiter. Mitunter ist es ein „gehen Sie nicht über Los“ und ich komme nicht ins nächste Level. Weil ich mich habe gehen lassen. Oder weil ich gehen gelassen wurde.
Ich mag Wortspiele. Gern auch in Neonfarben und Graffiti an Hauswänden oder auf Postkarten. Im Großen wie im Kleinen. Meine Themen laufen gern zur Höchstleistung, mitunter läuft aber rein gar nichts bei mir. Ich darf das laufen lassen. Oder – mich gehen lassen?
Letztens lies ich eine neue alte Bekanntschaft gehen. Sie tat mir nicht gut. Zum zweiten Mal. Eine aufgewärmte Beziehung, meist enden die wieder. Meist früher. Meist mit Erkenntnis. Manchmal auch einfach so.
Sie nahm mir den Schwung, weiterzugehen. Ganz still und heimlich und dennoch mit System. Ein System, dass sie selbst (hoffentlich) unbewusst aufgebaut hatte. Ich mag das Gefühl, gebraucht zu werden. Um Rat gebeten zu werden. Das Gefühl, etwas bewirken zu können. Wertvoll zu sein. Ich möchte gesehen und geschätzt werden, ein Muster, das ich schon als Kind entwickelt habe. Dafür gehe ich und steige ein. Meist tief. Ich schiebe die Einkäufe und die Tüten weg, räume das Handschuhfach auf, suche mir einen Platz auf dem Beifahrersitz und strecke die Beine aus und sage – let’s go! Lass uns abfahren!
Nächste Abfahrt Hilfsbereitschaft. Wie weit möchte ich mitfahren? Wie weit möchte ich begleiten, mitgehen, einsteigen, wann steige ich wieder aus? Diesmal deutlich früher als sonst. Von einem „ich höre zu“ zu einem „ich teile meine Erfahrungen“ zu einem „ich bin immer da, wenn dir ein Gedanke im Hirn quer sitzt“ zu einem „ich gebe dir von meiner Freude und meiner positiven Lebenseinstellung“ zu einem „ich bin müde“, „ich kann dich nicht mehr hören“ und einem „ich reagiere absolut gereizt auf deine Themen“. Ging schnell diesmal. Meine Freude und mein Frust, ich durchlaufe diese Formen der ungesunden Beziehungsgestaltung inzwischen schneller. Und ich gehe auch schneller, obwohl ich eine gewisse Verpflichtung fühle. Das Muster ist bekannt, es ist ein „es geht ihr nicht gut“, „ich habe Verständnis dafür und möchte ihr helfen“ und ein „ich kann jetzt nicht gehen, das würde ihr zu weh tun“. Und früher, da bin ich dann weitergegangen. Habe gegeben. Verständnis. Worte. Tipps. Freude. Bekommen habe ich – Vorwürfe, wenn ich das Falsche gesagt oder getan habe. Vorwürfe, weil das ausgewählte Café zu bunt ist, weil ich zu fröhlich bin, weil ich zu empfindlich bin, weil ich keine Rücksicht nehme, weil ich schon wieder gehe.
Ja, liebe Blutsauger, so geht das nicht weiter mit uns. Ich lasse mich selbst gehen, um da zu sein und werde im Laufe der sich aufbauenden Beziehung leise. Müde. Erschöpft. Esse auf einmal wieder viel mehr und überlege, was eigentlich mein Finger in der Nase sucht. Einsicht? Durchsicht? Den Durchbruch?
Also lasse ich die Finger davon, weil ich mir das so versprochen habe. In diesen Konstrukt zwischen „ich mache es falsch“ und „ich muss da Rücksicht nehmen und es noch besser machen, weil es meinem Gegenüber nicht gut geht“ gewinne ich nur eines: Gewicht und Löcher in der Nasenscheidewand.
Natürlich geht man nicht einfach. Ich gehe und bin die Böse. Die, die einen Menschen verlassen hat. Die, der man sagt, sie sei eine schlechte Freundin. Vermutlich könne ich gar keine Freundin sein. Ich sei berechnend, nur auf meinen Vorteil aus und zusammengenommen einfach ein schlechter Mensch.
Tja. Gehe hier rein und da wieder raus, liebes Wort. Streife mein Hirn bitte nur ganz sanft. Ich bin im falschen Film und habe keine Lust, mir den bis zum Ende anzuschauen. Früher habe ich Bücher bis zum Schluss gelesen. Heute lege ich sie weg, wenn sie mir schon am Anfang nicht gefallen. Mir fehlt die Zeit, mich darauf einzulassen, wenn es schon am Anfang nicht meinem Stil entspricht. Mag sein, die Geschichte steigert sich ins Positive, wenn ich länger dran bleibe und ich verpasse das absolute Highlight. Aber – da verpasse ich mir lieber selbst eine Ohrfeige und nehme den Notausgang.
Es macht etwas mit mir. Es bedient Muster aus der grauen Vorzeit. Ich kümmere mich, ich möchte gebraucht werden, das gibt mir ein gutes Gefühl. Ein „ich bin wertvoll für einen anderen Menschen“. Ein „ich werde gesehen“. Ich komme aus einer übersehenen Kindheit. Ich muss laut sein, damit ich nicht lebendig begraben werde. Ich verstehe die Muster meines Selbstwertgefühls immer besser und stelle fest – Nö. Das Muster will ich nicht mehr. Ich helfe gern. Aber nur, wenn es ausgewogen ist. Ich möchte auch meine Freude teilen, ohne mir anzuhören, dass die „nicht richtig“ ist. Ich möchte meine Erfolge teilen, ohne mir anzuhören, dass das den anderen jetzt aber schwäche und ich doch bitte darüber nicht mehr sprechen möge. Ich möchte auch meine Bedürfnisse in einer Beziehung gesehen sehen – und nicht nur meine Hilfsbereitschaft.
Sonst lasse ich mich wieder gehen. Und dafür fehlt mir ehrlich gesagt die Zeit. Mich gehen lassen bedeutet, dass ich mich kleiner fühle, zweifle, denke, ich sei kein guter Mensch, mich wundere, warum ich so gereizt reagiere und warum ich so müde bin. Mir fehlt dann der Antrieb. Die Freude. Die Motivation, meinen eigenen Aufgaben gerecht zu werden. Eine Abwärtsspirale, die ich gut kenne. So langsam erkenne ich, wo sie anfängt und was sie unter anderem auslöst. Warum also sollte ich auf den roten Knopf drücken, damit das wieder und wieder passiert?
Deshalb – lasse ich gehen. Tschüss.
Damit ich mich nicht gehen lasse. Weil in aller Freundschaft der wichtigste Mensch für mich nur einer sein kann: ich.
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