Heute ist K5 auf Sommerfreizeit gefahren. Das pure Leben, mit all seiner Aufregung und Vorfreude, prägsame Gefühle. Er hat einen Kamm eingepackt, ich bezweifle, dass er ihn benutzen wird. Seine Haare sind lang, ein wenig verfilzt, verwegen, wach. Sie tun nicht, was man erwartet. Er tut auch nicht, was man erwartet. Er tut allerdings, was ich erwarte: Er lebt. Er ist neugierig. Er ist unbequem. Er ist herausfordernd. Er hinterfragt. Er ist ehrlich.
Beim Abschied aus der Grundschule haben die Kinder (samt Eltern) ein Fotobuch für die Klassenlehrerin gestaltet, unter anderem gab es einen Fragebogen, inspiriert von Freundschaftsbüchern. Beschreibe dich selbst in drei Worten, war eine Aufgabe. Mein Sohn hat circa 5 Sekunden nachgedacht und dann diesen hier rausgehauen:
Genervt von Erwachsenen
Ich bin vor Lachen fast von der Bank am Esstisch gefallen. Es ist so sehr die Wahrheit, schöner geht es kaum. Weil er das ist. Er ist durchgehend genervt von Erwachsenen, von ihren Vorstellungen, von der Gewalt, die sie ausüben. Sie verfügen über seine Zeit. Sie erwarten Dinge. Sie wollen, dass er ruhig sitzt beim Essen. Sie wollen sogar, dass er was isst. Es ist kaum auszuhalten! Diese Erwachsenen, was haben sie mir das Leben schwer gemacht.
Ich sehe all das in seinen leicht verfilzten Haaren. Dieses Unding, in dieser Welt kein Schaf zu sein. Er denkt. Er fühlt. Er teilt sich mit. Er empfindet Ungerechtigkeit, meist natürlich gegen sich selbst. Ich weiß aber, dass das wachsen wird und er sich verändern wird, hin zu einem Menschen, der es auch für andere fühlen kann. Noch ist er altersgerecht zentriert auf sich selbst.
Ich sehe mich. Die ich durchweg aneckte, weil ich meinen Mund nicht halten konnte. Die ich von der Schule verwiesen wurde, weil ich meinen Mund nicht halten konnte. Ich, die ich erst spät lernte, dass ich Kompromisse eingehen darf, und dennoch integer in mir selbst bleiben kann. Jedenfalls kann ich mir das einreden.
Ich, die ich dennoch gerade am liebsten auf LinkedIn schreiben würde, wie es wirklich gelaufen ist in dieser Firma. Wie beschissen die letzten Monate gelaufen sind. Und ich tue es nicht. Weil ich weiß, dass es mir schaden würde.
But what the hell, fuck you! Es ist so armselig. Alle nicken. Sagen nette Sachen. Lügen sich gegenseitig die Hucke voll. Niemand ist ehrlich. Ehrlich, das kann doch nicht gesund sein? Warum kann man die Mängel, die da sind, nicht einfach benennen? Ich kann es ja auch bei mir selbst – mir ist durchaus bewusst, dass ich Anteile daran habe, dass es gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Ich bin kein Opfer. Ich bin durchaus klar in der Birne. Aber wenn ich so ehrlich mit mir sein kann, warum ist es verpönt, wenn ich so ehrlich mit der Firma ins Gericht gehe?
Jedenfalls öffentlich. Macht sich das nicht so gut. Zukünftige Arbeitgeber könnten mich nicht wollen, ich könnte ja unbequem sein …
Ja. Aber verdammt, ich BIN unbequem! Und ich bin ähnlich wie mein Sohn. Ungekämmt und genervt von Erwachsenen.
Den Finger in die Wunde legen, das möchte ich gern. Schonungslos ehrlich sein. Hinweisen auf das, was nicht läuft. Veränderungen voranbringen. Umsetzen, auch wenn es nicht ganz so emphatisch läuft. Weil es nicht immer darum geht, dass es allen gut geht, weil das Haare kämmen halt auch mal ziepen darf. Da muss man durch.
Muss man da durch?
Natürlich kann man auch die Haare vorher einsprayen, damit sie leichter kämmbar werden. Und das würde ich auch in Unternehmen tun. Sie vorher einsprühen. Mit Anti-Mücken-Spray. Oder mit verlockenden Deo mit Schokogeruch?
Change wird mein Thema. Gerade weil ich so rotzig und ehrlich bin. Ich sehe das interimsmäßig vor mir. Mich holt man dann in die Firma, wenn das Haar schon komplett verfilzt ist. Ich schneide das dann im Zweifel auch ab. Mir egal, ob es Tränen gibt. Manchmal muss man im Leben einfach durchziehen. Und ich glaube, dafür bin ich die richtige Begleitung. Ich verlasse das Unternehmen dann wieder, wenn die Haare gesund nachwachsen und suche mir eine neue haarige Herausforderung. Ich kann das schon fühlen! Und es fühlt sich gut an, keine dauerhafte Bleibe zu suchen. Kein tägliches Kämmen, morgens und abends. Nein, ich will den Notfall. Das Koma. Die Krise. Ein „weiterhin täglich kämmen“ ist mir zu langweilig.
Um den Bogen zurück zu spannen. Natürlich spürt mein Sohn, dass ich seine Kompromisslosigkeit feiere. Dennoch leite ich ihn dazu an, für sich selbst zu sorgen, sich regelmäßig zu kämmen und zu lernen, auch mal die Klappe zu halten. Erst atmen. Dann sprechen. Viele Konflikte lassen sich schon an der Stelle vermeiden, an der wir sie ignorieren. An der wir warten, bevor wir sprechen. An der wir hinhören und mit dem Gegenüber fühlen. An der wir lernen, zu differenzieren und das Thema nicht anzunehmen. Meist geht es nicht um uns. Wenn das verstanden und gefühlt ist, wird es einfacher. Hofft man jedenfalls.
Ich wünsche mir ehrlich mehr auf dieser Welt. Auch mehr Resilienz. Dauerhaft weichgespült sind viele Menschen nicht mehr in der Lage, ein kritisches Feedback anzunehmen. Ja, und das gilt auch für mich selbst. Dabei ist das so wichtig! Wie wollen wir als Gesellschaft vorankommen, wenn wir uns nicht sagen können, was notwendig ist. Wenn wir nicht echt sind, sondern höchst angepasst? Wenn wir schweigen, weil wir nicht anecken wollen? Wo kommen wir hin?
Ich gehe mich jetzt erstmal kämmen.

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