Der Vater von K5 ist mir verdächtig. Er präsentiert eine gute Laune, bei der ich mich frage, wo er das Zeug her hat. Also, das, was die gute Laune verursacht.
Dabei ist seine Stimmfrequenz nah an Quietschente.
Überzogen hell, mit einem Hauch Wahnsinn.
Alberner Grundton, hochgedreht, wie eine überspannte Saite auf der Gitarre. Unangenehm. Schlecht gestimmt. Wobei, stimmt ja gar nicht, er ist ja gut gestimmt. Warum ich eigentlich immer so schlecht gestimmt sei?
Unheimlich ist, dass diese gute Laune samt überdrehter Stimmlage im Kleinkindmodus so übertrieben ist. Als würde man mit einem Verrückten sprechen, bei dem man überlegt, wann der ausgebrochen ist und ob man das melden sollte. Damit er wieder eingesammelt wird. Es ist nicht nur das Wie. Es ist auch das Was. Das hat passenderweise das Niveau der Stimmlage. Somit könnte man sagen, passt ja der Ton zur Musik.
Mäh!
Ich bin aber auch so eine grantige alte Kuh. Ich verstehe gar keinen Spaß! Ich könnte auch mal etwas lockerer sein, das täte mir gut. Auch, wenn er mich anfasst, das ist ja schließlich auch nur nett gemeint!
Ein bisschen schade ist, dass ich das normalerweise bin. Locker, fröhlich. Sobald aber dieser Mann auftaucht, ob in echt oder am Telefon, reagiere ich heftig abwehrend. Der Puls geht hoch, mir entgleist das Gesicht, ich werde aggressiv, ich reagiere allergisch. Mal mehr, mal weniger intensiv, je nach Kombination. Nur die Stimme – geht so. Stimme und körperliche Präsenz – geht nicht so.
In einer Zeit vor dieser Zeit, als der Kontakt noch selbstverständlicher und meine Laune noch schlechter war, kam mir der Gedanke, ich sei nicht richtig. Ständig gereizt, sagte ich mir, ich könne doch gelassener sein, warum nur reagierte ich so angestrengt auf die gute Laune dieses Menschen? Auf die Stimme? Auf die Körpersprache? Auf die Art, wie er sich bewegt? Hier ist nichts ausgeglichen, Stimme, Mimik, Körpersprache, es ist ein unauthentisch schlechter Remix eines sehr alten Songs.
Er trifft keinen guten Ton. Jedenfalls nicht bei mir. Ich finde ihn einfach unerträglich, wie Tinitus, nur schlimmer.
Also, puh. Der Kontakt mit der aufgesetzten Fröhlichkeit setzt mir wirklich zu. Ich weiß, was darunter liegt, und überlege, ob ich für die Beerdigung dieser Geschichte noch tiefer buddeln muss. Da mir die Kraft fehlt fürs stetige Buddeln, setze ich weiterhin auf Abstand. Ich bitte um schriftliche Klärung von Angelegenheiten. Ich vermeide Telefonate. Ich weiche Begegnungen aus.
Meine Reaktion auf ihn macht mich dennoch nachdenklich. Es ist, als würde man mir einen Trigger ans Ohr halten, ich reagiere jedes Mal zuverlässig. Wie wird man das wieder los? Immunisierung mit mehr Kontakt mit dem Allergen hilft jedenfalls nicht!
Bei offiziellen Veranstaltungen wie der Einschulung letztens hänge ich noch Tage später nach. Mich kosten diese Events viel Kraft. Als stände ich einem Trauma gegenüber, und wenn ich länger darüber nachdenke, dann ist es wohl auch so. Das Trauma will dann auf seine Art eine Verbindung zu mir herstellen. Bedeutet, er rückt mir nicht nur sprachlich, sondern auch körperlich auf den Pelz. Nicht nur die gute Laune penetriert mich, auch die Versuche, mich anzufassen, lösen Ekel bei mir aus. Bevorzugt greift er nach meinem Oberarm, meist links. Ich bin schon froh, wenn er nicht die Brust erwischt.
Ich habe mir schon vor Jahren verbeten, berührt zu werden. Ich muss ständig daran erinnern, immer und immer wieder. Letztens meinte er, das sei wirklich so unnötig, das könne ich schon mal aushalten.
Eventuell ist es das. Ich will das nicht mehr aushalten. Weder die überdreht gute Laune noch die Stimmlage noch das Angefasstwerden noch die Hinweise, ich könne auch mal lockerer und fröhlicher sein.
Uah!
Ob ich jemals einfach völlig gelassen auf diesen Menschen reagieren kann? Ohne Puls? Ohne Scham? Ohne das Gefühl völligen Unverständnisses? Mit 19 habe ich nicht verstanden, dass er nicht echt ist. Mit 28 habe ich es glassklar gesehen und abgewehrt. Mit 40 hatte mich die Depression fester im Griff als er meinen Oberarm.
Ich bin ein Opfer seiner Stimmung. Und wenn ich eins nicht mehr sein will, dann, ein Opfer. Weder seines noch meines. Es wird Zeit, diesen unangenehmen Menschen wegzuatmen. Ohren auf Durchzug. Fäuste geballt. Bei der nächsten Attacke könnte es passieren, dass meine gute Laune durchschlagend wirkt.
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