Hörspiele zu verkaufen

Und dann lasse ich das Mädchen hinter mir, dass ich war, bis heute morgen. Eine Woche intensiv nicht in die Vergangenheit reisen, lieber daheim bleiben. Nicht nach München fahren, das Wetter ist auch ach so schlecht. Sowieso sollte ja jetzt der Zeitpunkt sein, wo ich nach vorne schaue, mich neu zusammensetze, mein Bestes nach außen kehre, mich zeige. Egal, wie schmuddelig oder kalt oder verwirrt es innen drin aussieht.

Schließlich sollte man aus einer freien Woche keine Reise in die Vergangenheit machen. Oder? Vielleicht genau das, weil wir nur aus der Vergangenheit wissen, wer wir sind? Und muss ich dafür nach München reisen, was ich ursprünglich vor hatte? Ganz offensichtlich muss ich das nicht. Es ist auch ausreichend, ein Buch zu lesen. Von jetzt bis heute, ganz fertig. Fast 600 Seiten schönste Wortschöpfungen eines leicht zugekoksten Hirns, das ebenfalls vor allem in Erinnerungen schwelgt.

Ich bin immer so beeindruckt, wenn Menschen sich erinnern können und diese Erinnerungen so malen, dass ich sie sehen kann. Ich habe da so meine Probleme, mit dem Sehen. Und das nicht nur in der Sauna, wenn es da so dunkel ist, oder generell ohne Brille, weil alles dann so verschwommen an mir vorbeiläuft. Nein. Ich sehe auch andere Dinge nicht. In meinem Kopf. Das Konzept „und dann sitzen wir auf einer Wolke und genießen die Leichtigkeit“ oder „wir sehen die Wellen, wie sie immer und immer wieder völlig gelangweilt vom Immergleichen auf den Strand brechen“, dann sehe ich – nichts. Keine Wolke. Keinen Welle. Keinen Strand. Brechen könnte ich da.

Hörbücher oder Hörspiele, bleibt mir weg damit. Da passiert nichts bei mir. Text der durch mich hindurch wabert, ohne Verständnis, ohne Erinnerung, ohne etwas zu berühren. Kein Bild. Auch beim Lesen fällt mir das schwer, ich sehe das Chateau-Marmont nicht vor mir. Wenn ich es sehen will, muss ich schon das Internet bemühen, es googeln und dann! Herrlich, endlich, ein Bild! Dann kann ich!! Dann kann ich sogar erinnern. Wenn ich mal irgendwo war, und dabei sogar anwesend, dann erinnere ich. Dann erkenne ich auch wieder. Wenn ich aber mit dem Navi ferngesteuert durch einen Ort fahre, und du schickst mich drei Stunden später nochmal dahin, aber ohne Navi. Dann finde ich den Weg nicht.

Deshalb fahre ich auch heute noch mit viel Begeisterung einfach drauf los. Ohne Navi. Erstmal schauen, wo bin ich denn. Vertrauend auf das, was schon früher da war: Schilder, auf denen Dinge stehen. Habe ich eine ungefähre Ahnung, wo ich hinwill? Finde ich das auf Schildern? Sonst frage ich einfach mal – manchmal kommen dabei großartige Reisen heraus.

Tatsächlich, wenn ich einen Fußweg zu gehen habe in einer Stadt, und Google Maps bemühe, habe ich größste Schwierigkeiten, in die richtige Richtung zu laufen. Ich laufe gern erstmal in die entgegengesetzte Richtung und finde das alles ziemlich verwirrend. Aber wenn ich vorher mal auf einen Stadtplan geschaut habe und mir das ganze Konzept der Straßen dort visualisiert habe, auf einem STÜCK PAPIER, dann läuft das. Dann laufe ich voll in die richtige Richtung.

So eine Stimme am Ohr, die sagt, jetzt hier rechts abbiegen, das konnte ich ja noch nie leiden. Selten dass ich auf diese Tipps in meinem Ohr gehört habe.

So ist das. Eine Woche Rückblick in die Vergangenheit von Benjamin, und schon bin ich selbst wieder 19. Ein heiteres Stück. Teile seines Buches erinnern mich natürlich an gar nichts, weil ich sie nicht erlebt habe. Sie zu lesen löst ein wenig Traurigkeit bei mir aus, ein Gefühl von „habe ich da was verpasst?“, um schnell zu spüren, nö. Da bin ich ganz froh drum, dass ich es verpasst habe, kotzend in meiner Wohnung zu liegen, ohne Lampen. Zettel mit Ideen habe ich auch ohne Koks in Unmengen vollgeschrieben, nur habe ich daraus nie eine Ausstellung gemacht. Es wäre auch absolut irre.

Aber etwas Irres machen, wäre das nicht gerade jetzt genau das Richtige? Wie sonst soll ich mich gegen eine Flut von Entlassenen behaupten, damit gerade ich einen neuen Job finde? Bleibe ich unsichtbar, bleibe ich unsichtbar. Und ich will ja gerade das nicht. Ich will ja gesehen sein. Ich will einen guten Job finden. Ich will Freude an der Arbeit haben. Ich will etwas für mich sinnvolles tun. Und es wird keine App für Hörbücher, soviel ist klar. Weil ich das nicht fühlen kann. Das Konzept Hörbuch ist für mich völlig unsichtbar.

Wie gesagt, beim reinen Hören entstehen bei mir keine Bilder. Beim Lesen ist das durchaus auch so, aber – und das ist der Unterschied – es entstehen Gefühle, und die kann ich spüren, sehr deutlich. Sie sind da. Sie haben mitunter Farben, Formen, sie sprengen dabei das Vorstellbare, sie sind halt kein Baum am Straßenrand und keine ach so wunderbar beschriebene Natur. Das interessiert mich an Büchern ja am Wenigsten. Wenn jemand beschreibt, WIE SCHÖN es aussieht, da, einsam im Wind, am Strand, wenn die Wellen so schön brechen. Neeee. Das brauche ich nicht. Der Herr der Ringe, ich konnte das kaum fertiglesen, weil sie die ganze Zeit gelaufen sind, immerzu, auf diesen Wegen, gelaufen. Da passiert Seitenlang einfach nichts. Und ich kann es nicht sehen. Fühlen übrigens auch nicht. Oder wenn, dann nur als große Müdigkeit, vom vielen Laufen. Und dann lege ich das Buch weg und bin auch müde und das ist es dann gewesen.

Ich habe den Herrn der Ringe natürlich „fertig gelesen“, und danach war ich auch genau das. Fertig. Mir hat sich die Genialität des Autors nicht erlesen. Sorry. Was noch gleich, wer noch gleich, mit wem noch gleich?

Ich muss, bei aller Tragik und Bedeutsamkeit, zwischendurch auch minimum Lachen, sonst bin ich raus. Ein Buch, dass mich zum Lachen bringt, hat Chancen, in meinem Kopf zu bleiben. Hier also Panikherz. Und ich habe auch viel gelacht. Vor allem habe ich mich zwischen den Zeilen gelesen und dazu habe ich natürlich ein Bild im Kopf. Weil ich mich erlebt habe. Nicht alles ist noch da, manches wabert nur als nebulöses Gebilde durch meinen Kopf, aber – ja, da sind Bilder. Und schon hat man mich.

Ich gehe sehr gerne ins Kino. Ich schaue gern fern. Schon als Kind war ich begeistert von der Flimmerkiste. Vielleicht auch, weil es so viel anderes nicht gab. Mein erster Held war Captain Future. Und Zurück in die Zukunft machte mich ganz verknallt.

Bilder, bitte. Keine, die mein Hirn selbst schaffen müsste. Meditation, geht hier nicht. Mich auf Wolken oder Wellen treiben lassen, geht auch nicht. Aber Gefühle, Stimmungen, die Farben, alles, was zwischen den Zeilen leise ruht, das kann ich sehen. Sofort. Es springt mich einfach an.

Übrigens, vielleicht liegt darin begründet, dass ich so gerne fotografiere. Weil ich keine eigenen Bilder im Kopf erschaffen kann, schaffe ich mir eine Auswahl an Bildern, die ich der Welt abtrotze. Gern in bunt. Gern in schillernd. Gern in Neon. Wabernd.

Bilder. Bunt. Knallig. Ich brauche auch knallige Farben, um mich wohlzufühlen daheim. Einen Ort in Beige, dem entrinne ich gruselnd. Ich will Neon, ich will knallig, ich will schräg, ich will bunt. Ich bin Bunt.

Und ich kann immer noch keine Bilder erzeugen, in meinem Kopf. Umso wichtiger ist es mir, eine gute Kamera an der Hand zu haben, die mir das ermöglicht. Mein Gesehenes zu sehen.

Zurück zur Vergangenheit, um die es sich nicht drehen sollte diese Woche. Was soll ich sagen. Es braucht ab und an den Blick auf das, was war. Um zu sehen, was davon war gut? Was möchte ich behalten? Was kann weg? Und wenn es weg kann, kauft das noch jemand? Kann ich daraus noch Geld machen? Und da sind wir dann beim Vergangenheit aufräumen: ich mache jetzt noch ein paar Bilder für Kleinanzeigen, ganz ohne Ebay. Was meine Gegenwart aus der Vergangenheit vermüllt, kann für Andere ganz wunderbar sein. Also weg damit.

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