Haltung.
Aufrecht. Gestanden. Brust raus, Schultern tief nach hinten. Fallen lassen. Blick geradeaus. Ich halte mich.
Singen ist außerordentlich gut für die Haltung, nicht nur von Tönen.
Singen ist laut gewordener Atem, ganz tief im Bauch.
Unsere Stimme ist ein weiteres Wunder, eines von so vielen.
Es gibt keinen Menschen, der nicht singen kann. Eine Stimme haben wir alle. Wofür sie erheben? Zu klagen oder zu loben? Sich zu beschweren oder sich zu erleichtern?
Wenn ich aber doch dieses eine Lied immer wieder singe, und es ist kein Lobgesang. Ist es dann ein Trauerspiel? Eine immer gleiche Leier?
Es leiert aus. Diese Stimmung, wie ich sie gestern hatte. Heute kam ein Anruf, gegen 11 Uhr. In letzter Zeit ruft er fast täglich an, mit kleinen Fragen. Ich höre den Wunsch nach Kontakt heraus, eine gewisse Hilflosigkeit, überspielt mit übertriebener Fröhlichkeit. Der Mann arbeitet kaum noch und hat wenig zu tun. Wenig Freunde, wenig Freude. Ich habe schon lange kommuniziert, dass ich nicht ohne Kontext angerufen werden will. Er möge mir vorher mitteilen, um was es geht, und ich entscheide dann, ob es das Telefonat für mich wert ist. Wert, meine Nerven zu überspannen. Meist ist es das nicht wert. Er würde auch anrufen und fragen, was die Uhr ist, nur um einen Grund zu haben.
Da könnte ich Mitleid haben mit diesem Mann. Er sucht ja nur Kontakt. Das darf er ja auch. Nur nicht bei mir. Weil ich diesen Kontakt nicht will.
Auf den heutigen Anruf antworte ich schreibend. Du hast angerufen, um was geht es denn? Ich bekomme keine Antwort. Also – keine Antwort. Es war dann vermutlich nicht so wichtig.
Ich kommuniziere alles nur noch schriftlich. Das hat zweierlei Vorteil. Ich entziehe mich der Macht seiner Stimme, meine Laune ist deutlich besser und ich habe hinterher schwarz auf weiß, über was nicht gesprochen wurde. Wer schreibt, der bleibt. Es ist sehr hilfreich, später sagen zu können, aber! Hier steht, wir haben uns auf X geeinigt.
Leider kann ich berichten, dass das nur in der Theorie funktioniert. Zum einen, ich werde dennoch oft angerufen. Zum anderen stellt sich später oft heraus, dass die betreffende Person nicht korrekt gelesen hat, beziehungsweise falsch verstanden hat. Oder, falsch verstehen wollte. Wörter neigen sich dem Missverständnis. Ich entpacke Worte in ihre einfachste Form, schreibe verdichtet unmissverständlich und lerne stetig dazu.
Ich opfere der Kommunikation mit dem Kindsvater meine Zeit, meine Nerven, meine Stimmbänder. Lieber sänge ich einen Abgesang. Tatsache aber ist, dass mir natürlich bewusst ist, dass wir die Verantwortung für ein gemeinsames Kind tragen. Und ich kann berichten, es gibt einfachere Aufgaben.
Ein wenig mag ich mich wohl erklären, nachdem ich gestern reichlich ehrlich war. Ich kann mitteilen, ich streife das Opfer langsam ab. Wurde ich vor 1-2 Jahren noch so wütend, dass ich auch äußerlich lautstark geplatzt bin, schlage ich heute leisere Töne an. Es ist mehr so ein inneres Seufzen, begleitet von einem Ekelgefühl bei zu viel räumlicher Nähe oder dem Lauschen seiner Stimme. Es wird also definitiv besser. Habe ich früher noch bei meinen Erklärungen heftig herumgewedelt, erkläre ich heute nichts mehr und bleibe dabei ruhig stehen.
Hier ist Ende der Fahnenstange!
Fass mich nicht an!
Bleib vor der Tür!
Er darf nicht mehr in die Wohnung. Ich habe das eine lange Zeit akzeptiert, es gab über Corona eine Phase, da war er sogar an den Wochenenden hier, damit er seinen Sohn sehen kann. K5 war noch zu klein für Wochenendausflüge mit Papa und ich war von dem Bedürfnis geleitet, dem Kinde den Kontakt zum Vater zu ermöglichen.
Ich hatte an diesen Wochenenden ganz oft sehr schlechte Laune und wurde regelmäßig darauf hingewiesen, dass ich wirklich etwas fröhlicher sein könnte. Just kidding!
Diese Infiltration von Stimme und Stimmung wieder aufzulösen, ich kann mitteilen, dass das schwer war. Ich musste mich Meter für Meter vorankämpfen, bis ich diesen Mann mal vor der Tür hatte. Er hat jede Aufforderung meinerseits missachtet und kommentiert. Ich weiß noch, wie ich mit K5 noch kurz in dessen Zimmer war und wieder rauskam und sein Vater blätterte einen Bücherstapel im Wohnzimmer durch, ganz selbstverständlich. Als seien das seine Bücher, seine Dinge, sein. Ich schrie ziemlich deutlich los, er möge meine Sachen in Ruhe lassen.
Die Antwort der beleidigten Leberwurst war, dass das ja nur Bücher seien und ich mich nicht so anstellen solle.
Grenzüberschreitende Geschichten, davon könnte ich so viele erzählen. Sie tarnen sich alle als hysterischen Weib. Was stellst du dich so an? Das ist doch nichts!
Alle meine Grenzen, nichts. Lächerlich.
Ich darf sie wieder enger ziehen. Seit der gemeinsamen Einschulungsfeier samt gemeinsamem Besuch eines Cafés rückt er mir wieder auf die Pelle. Diese eine Ausnahme scheint eine Einladung zu sein, meine Grenzen zu testen. Ich muss ihn aktuell fast täglich in seine Schranken verweisen. Keine Anrufe. Das Kind wird vor der Haustür verabschiedet. Die Wohnung wird nicht betreten. Ich werde nicht angefasst. Niemals. Wieder. In keinem Fall.
So schwer!
So anstrengend!
Warum bin ich so anstrengend?
Warum bin ich so hysterisch?
Warum sind meine Grenzen nichtig, wenn er sie nicht akzeptieren will?
Warum hat irgendjemand Donald Trump gewählt?
Ich frage, weil, ich habe den ja auch mal gewählt. Diesen Typ Mann. Weil ich es nicht besser wusste? Weil ich dachte, es sei schon okay? Gut gelernte Mechanismen eines ungewollten Kindes. Dankbar für einen Moment der Aufmerksamkeit. Ich habe mich so schlecht behandeln lassen wie ich es gewohnt war behandelt zu werden.
Ich habe mich schlecht behandeln lassen, weil ich mich und meine Grenzen nicht kannte.
Traurige Geschichten.
Früher dachte ich, sowas passiert mir niemals, mich von einem Mann schlecht behandeln lassen. Wenn mich einer schlägt, dann gehe ich sofort. Dass ich geschlagen wurde, habe ich lange nicht verstanden.
Ich reagiere nicht ohne Grund hochsensibel auf Stimmen.
Und begleite nebenbei seinen Sohn dahingehend, dass die Grenzen anderer Menschen keine Wünsche, sondern Tatsachen sind. Wir müssen nicht verstehen, aber wir müssen akzeptieren. Wir fassen niemanden an, ohne uns vorher vergewissert zu haben, dass das in Ordnung ist. Wir lachen niemanden aus. Wir respektieren andere Menschen. Wir urteilen nicht aufgrund von Haut- oder Klangfarbe. Wir kommentieren nicht die Körper anderer Menschen.
Übrigens finden andere den Vater von K5 oft „doch sehr witzig, sie wüssten gar nicht, was ich habe“. Auch das akzeptiere ich inzwischen und gehe weiter. Er ist nicht witzig. Aber was weiß ich schon, eventuell habe ich auch einfach keinen Humor.
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