Mir passieren Geschichten. Meist überraschend, aus dem Off, gefühlt zufällig, vielleicht aber eher genau das Gegenteil davon.
Geschichten spielen eine magisch große Rolle in meinem Leben.
Die Geschichte vom Leben im Internat. Die Geschichte vom Leben in der ersten eigenen Wohnung und der mit Lippenstift verschönerten Zimmertür, die ich später ersetzen musste, weil sie nicht mehr sauber wurde. Auch nicht mit Nagellackentferner. Die Geschichte von meinem Huhn. Die Geschichte von meinem zahmen Hamster Raider, der gerne Apfelwein getrunken hat. Die Geschichte vom Zirkus und von meinem Leben in einem rosa Wohnwagen. Die Geschichte der Geburt meines ersten, meines zweiten, meines dritten, meines vierten und meines fünften Kindes. Die Geschichte meiner zwei verkorksten Ehen. Die Geschichte meiner Überforderung. Die Geschichte meiner Depression. Die Geschichte meiner Reise auf der Queen Mary. Die Geschichte meiner Reise mit Baby Mio in den Niederlande. Und noch so viele Geschichten mehr.
Kleine Episoden, kleine Momente, manche wurden zu größeren Geschichten, manche blieben als vertrautes Gefühl wie ein Honigbrot mit Quark.
Begegnungen gehören zu jeder Geschichte dazu. Daraus ergaben und ergeben sich laufend neue Verbindungen, ein Netzwerk an möglichen Leben und möglichen Entscheidungen. Jede Entscheidung bedeutet, sich nicht für eine andere Geschichte entschieden zu haben.
Das ist spannend. Rückblickend betrachtet möchte ich keine meiner Geschichten missen. Es wäre dramatisch, wären sie nicht. Ich bereue keine davon, auch die traurigen nicht. Ich bereue keine Trennung, ich bereue keinen Absturz, ich bereue keinen Kummer. Ich habe nur einen Punkt, an dem ich schon als Kind gedanklich hängen geblieben bin. Ich wäre gern das Kind der Nachbarn gewesen. Es erschien mir, dort lebe es sich glücklicher. Ich habe mir als Kind ganze Geschichten ausgedacht, wie ich dort leben würde, eine geliebte, glückliche Version meiner Selbst. Auf diese Geschichte hatte ich nie einen Einfluss. Ich war nunmal nicht das Kind dieser Familie, sondern immer das Kind meiner Familie.
Im Nachgang betrachtet bin ich froh, nicht das Kind der Nachbarn gewesen zu sein. Hinter deren Fassade blätterte der Putz sehr arg.
Ich bereue also tatsächlich nichts. Warum auch. Es wäre verschwendete Lebensenergie. Viel schöner finde ich, meine Geschichten zu erinnern und mich daran zu erfreuen.
Es gibt natürlich auch etliche Geschichten zu meinen Jobs.
Ich habe mich im Grunde auf keinen meiner Jobs klassisch beworben. Es waren immer Impulse von außen, Begegnungen, Verbindungen, eins führte zum anderen. Ich könnte Geschichten erzählen, wie ich an Jobs gekommen bin, teilweise kann man sich das wirklich nicht ausdenken. Weil es mitunter ziemlich absurd war.
Aktuell bin ich zum allerersten Mal in der Situation, das Gefühl zu haben, mich jetzt wirklich mal ernsthaft auseinandersetzen zu müssen. Mit mir und meinen Job-Geschichten. Es scheint, ich muss mich wirklich bewerben. Der Markt erwartet das. Random, bei Menschen, die ich gar nicht kenne. Der Arbeitsmarkt ist müde, die Wirtschaft ist schon eingeschlafen. Es ist nicht mehr wie früher, als ich einfach – von der Straße aufgelesen und von der Bühne weg engagiert wurde, als ich gerade dabei war, Kabel zu verlegen.
Ich konnte mich immer auf meine Geschichten verlassen. Auf meine Begegnungen. Auf die Verbindungen, die ich geknüpft hatte. Ich habe mein Netzwerk immer gepflegt, weil ich in meinen Leben so oft den Wert gelebter Beziehungen erlebt habe. Die Situation am Arbeitsmarkt, die Situation allgemein hat mich verunsichert. Ich habe mir Anfang Juni bewusst „frei gegeben“, um mich wieder besser mit mir selbst zu verbinden, um einen Weg zurück zu finden, zu dem Urvertrauen ins Leben, dass ich mit Anfang 20 hatte.
Magie entsteht, wenn wir im Vertrauen sind. Ist nur so, dass dieses „im Vertrauen sein“ kein Zustand ist, der mir persönlich jetzt so irre leicht von der Hand geht. Ich bin halt auch keine Anfang 20 mehr …
Ich habe also eine neue Job-Geschichte. Einfach so, wie immer. Kommt um die Ecke gebogen und sagt: hier bin ich. Lebst du mich?
Die Geschichte beginnt mit der ausgesprochenen Kündigung Ende Februar. Ich bin damals von meinem Platz aufgestanden und einfach gegangen. Ich kam nur noch einmal zurück, Ende Mai, um den Rest meines Schreibtisches aufzuräumen und meinen Rechner abzugeben. Ich war so vor den Kopf geschlagen, ich hatte, glaube ich, wirklich einen Schock. Nach Jahren intensiver Arbeit und einem „ich gebe alles für die Firma“ war das einfach unglaublich für mich.
Einer der ersten beruflichen Kontakte, die ich am Tag darauf per Direktnachricht auf LinkedIn von meinem Zustand in Kenntnis setzte, war Steffen. Ein wirklich guter Kontakt, jemand, mit dem ich auch schon früher Klartext sprechen konnte. Er hat mich in der Minute, in der ich die Nachricht gesendet habe, schon zurückgerufen. Das Telefonat hat mir unfassbar gut getan. Auch, weil ich zwischen den gesprochen Worten hören konnte – er überlegt schon, wo er mich unterbringen könnte. Ich solle bloß nicht zur Konkurrenz gehen! Er würde in jedem Fall jetzt gleich mit seiner Head of Marketing sprechen …
Besagte Head of Marketing meldete sich drei Wochen später bei mir. Sie sei neugierig, ob wir ein kurzes Kennenlerngespräch vereinbaren können? Sie hätte keine vakante Stelle momentan, es sei also kein Bewerbungsgespräch. Einfach so.
Eine Begegnung. Eine neue Verbindung. Eine Geschichte, die daraus entstehen könnte. Ich bin immer offen für genau diese Gespräche, weil ich immer eine Verbindung sehe. Das heißt nicht, dass ich am nächsten Tag einen neuen Job hatte. Dinge passieren nicht sofort. Manches braucht eine Weile.
Wir hatten ein tolles Gespräch, absolut auf Augenhöhe, mit viel Humor. Sie bedauerte, keine Stelle für mich zu haben, sie nähme mich super gern, auch ganz ohne Lebenslauf, mit dem ich mich zu dem Zeitpunkt der Geschichte angestrengt abmühte.
Das war im März. Ich hatte in der Zwischenzeit immer wieder Kontaktpunkte in die Firma, mit unterschiedlichen Personen. Ich habe dem Prozess Zeit gegeben. Es fühlte sich schon im März nach einer besonderen Verbindung an, und es scheint, dass sich dieses Gefühl bestätigen möchte.
Am Montag Abend kam eine Direktnachricht von ihr. Gerade, als ich mit meinem Zeugnisentwurf fertig war und mich mit einer Kugel Eis belohnen wollte. Es würde eine Stelle im Event Marketing ausgeschrieben, leider nur befristet auf zwei Jahre. Ob ich dennoch Interesse hätte? Wenn ja, würde sie mir die Stelle mal zuschicken, vielleicht sei es ja was für mich.
Heute kam die Stelle. Sie klingt, als habe sie mir jemand auf den Leib geschrieben. Natürlich bewerbe ich mich darauf, die Befristung auf zwei Jahre stört mich nicht. Ich finde das sogar positiv, weil mich das wach und aufmerksam halten wird. Weil klar ist, ich muss mich dann gegebenenfalls wieder verändern. Das tut mir gut.
Ich bin nach dem heutigen Tag völlig durch! Dieses Gefühl! Ich bin gewollt! Ich bin gesehen! Jemand erinnert sich an mich! Und sie hat mich noch nicht „in echt“ kennengelernt, das war nur ein Online-Gespräch.
Obwohl ich wusste, dass hier eine besondere Bindung entsteht, bin ich völlig geflasht. Das ist ein bisschen surreal, ein bisschen verrückt. Genau wie eine „normale“ Geschichte in meinem Leben. So, wie früher. So, wie immer.
Dabei glaube ich nicht an Zufall. Diese Dinge passieren nicht einfach so. Nichts im Leben passiert einfach so. Das passiert, weil ich Geschichten erzähle und Geschichten erzählt bekomme. Weil ich aufmerksam bin mit Menschen. Weil ich Verbindungen aufbaue. Weil ich in jeder random Begegnung etwas Gutes sehe.
Und weil ich Vertrauen habe. Vertrauen darauf, dass es gut werden wird, weil es immer gut wurde. Weil es keinen Grund gibt, anzunehmen, das Leben wolle mir etwas Böses. Weil Honig mit Quark mich immer noch glücklich macht. Weil meine Geschichten, ob im Job oder Privat, immer so begonnen haben. Mit einer Verbindung. Einer Empfehlung. Einem Moment, an dem ich mich entschieden habe, Ja zu sagen.
Ich gehe hier All In. Ich weiß, die Stelle ist öffentlich ausgeschrieben. Es werden sich viele Menschen bewerben – es haben sich schon viele Menschen beworben, das wurde mir bereits erzählt. Eigentlich suchen sie für Karlsruhe. Frankfurt steht als Standort nur mit in der Ausschreibung, weil sich die Head of Marketing in meinem Interesse dafür eingesetzt hat. Es ist gut möglich, dass es nichts wird mit der Stelle. Gewisse Hirnregionen fangen schon an, mich zurückzuhalten, weil, es könnte ja schief gehen. Ich könnte die Stelle nicht bekommen, obwohl drei Menschen in gehobenen Positionen wollen, dass ich ihre Kollegin werde. Ich werde dann sehr sehr sehr sehr sehr sehr traurig sein.
Das weiß ich.
Da möchte ich jetzt gar nicht zuhören, bei dem Gekasper der Möglichkeiten. Was nicht immer alles schief gehen kann. Alles im Leben. Aber wir können doch nur leben, wenn wir uns einlassen. Auf die Liebe. Auf die Möglichkeit. Auf die Geschichte. Auf die Begegnung. Auf die Verbindung.
Ich sehe meinen neuen Job. Meine nächste Geschichte. Ich will das visualisieren, damit ich es mit jeder Zelle spüren kann. Nur dann habe ich die Ausstrahlung, die ich brauche. Die ich auch im Kennenlerngespräch hatte. Ich bin am Besten, wenn ich voll drin stecke in der Geschichte und dabei ganz und gar ich selbst bin.
Keine meiner Geschichten war geplant.
Sie sind mir passiert und das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich will glauben, dass das auch mit 53 noch nicht vorbei ist. Warum sollte es auch.
Letzten Mittwoch habe ich meine vergangenen Geschichten in München neu verknüpft.
Diesen Mittwoch bin ich bereit für meine zukünftigen Geschichten.

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