Wetterumschwung

Mein Vater ist gestorben. Ich esse Kuchen.

Ich habe ein neues Buch begonnen, gekauft auf diesem wunderbaren Kurztrip, in München. Schon im ersten Kapitel holt mich ein Satz ab, den ich genau so fühle. Falls ich überhaupt etwas fühle.

Sie hätten sterben können, und ich hätte es hingenommen wie einen Wetterumschwung. Ich weiß nicht, warum, aber so war es.

Leon Engler, Botanik des Wahnsinns

Hier ist das Wetter schon die ganze letzte Woche geschwungen. Es regnet sogar ab und an. Wir haben 22 Grad im Wohnzimmer. Wir schlafen wieder unter einer Bettdecke, nicht mehr nur unter dem Laken. Wobei wir noch nicht ganz angekommen sind im neuen Wetter, die Bettdecke ist noch nicht bezogen.

Es ist also noch ein Übergang, mit Kuchen. Ist auch mein Vater noch im Übergang? Oder ist er schon unter der Erde? Esse ich den Kuchen eventuell zu früh? Oder esse ich täglich Kuchen, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein? Ist Kuchen der Trost, der mir seit meiner Kindheit fehlt?

Fehlen mir die Emotionen, die eigentlich normal wären? Und was ist das eigentlich, normal? Hysterische Anfälle, Wut, Trauer, Verlust, Freude, Wetterumschwung?

Wie gehe ich eigentlich mit den Wetterumschwüngen in meinem Leben um? Sind das alles Streuselkuchen, die mir beim Essen in den Ausschnitt krümeln? Und wenn ich aufstehe, klopfe ich mir die Reste aus dem Shirt?

Ich ahne, Leon Engler hat kein autobiografischen Buch geschrieben. Aber er bleibt in diesem ersten Kapitel seines ersten Romans erstaunlich unemotional im Wetterumschwung hängen und mich spricht das an. Weil ich ähnlich über meine Eltern berichten kann. Inzwischen. Früher war das auch schon mal ein Wetterumschwung mit starken Gewittern und Sturzregen, Hagel oder Sturm. Oder trockene, alles vernichtende Hitze.

Heute bin ich beim Wetter deutlich gelassener. Ich versuche, das Beste draus zu machen, und sollte es im Sommer schneien, wäre ich vorbereitet. Die Winterstiefel stehen draußen im Regal. Ich räume die nicht im Sommer in den Keller. Ist mir viel zu anstrengend, das Wetter ändert sich ja sowieso. Was verändert sich noch? Verändert sich etwas in mir, weil ich jetzt beide Eltern verloren habe? Kann man etwas verlieren, das man nicht hatte? Übertreibe ich an der Stelle? Weil, ich hatte ja Eltern. Sie waren sogar aufmerksam. Besonders auf die Dinge, die nicht so waren, wie sie es wollten. Ich wurde bemerkt, manchmal sogar vom Gürtel meines Vaters. Auf den rechten Weg zurück sollten mich die Schläge bringen, damit ich ein guter Mensch werden könne. Ein demütiger, dankbarer, aufopferungsbereiten Mensch, der den Fußboden auf den Knien mit dem Lappen in der Hand reinigt. Im Stehen mit einem Wischmop war nicht drin. Demut darf sich niederknien, bei jedem Wetter.

Wir arbeiten von Hand. Interessanterweise hatten wir damals eine Brotmaschine. Komisch kommt mir das gerade vor, so unehrlich. Die Böden im Knien schrubben, aber das Brot durch die Maschine jagen. Es wurde oft mit zweierlei Maß gemessen, aber die Brotscheiben mussten alle ganz genau gleich dick sein.

Dick durfte man ansonsten nicht sein, da half natürlich auch Böden schrubben als körperliche Betätigung. Ganz allgemein musste das von mir gemacht werden, weil ich das Mädchen bin. Und meine Brüder keine Mädchen sind.

Ich überlege an der Stelle, warum ich eigentlich hier im Heute und Jetzt den Haushalt schmeiße und meine Söhne sich kaum einbringen. Ich ahne, ich habe auch heute noch Verhaltensmuster in mir, die schon in früher Kindheit gelegt wurden.

Es ging ja auch so weiter. Im Internet, hatten wir Mädchen Fliegengitter vor den Fenstern. Damit wir nicht aussteigen und nachts Unsinn treiben, auch, damit keine Jungs zu uns einsteigen können. Im Jungenwohnheim gab es keinerlei Gitter vor Fenstern. Der Grund? Männer werden nicht schwanger.

Ist so. Werden sie ja auch tatsächlich nicht.

Zurück zu Lük. Wie geht es mir? Ich habe Kuchen gegessen, einen Eiskaffee getrunken und gelesen. Das war schön. Ob noch ein Wetterumschwung kommt, der mich erzittern lässt ob der Tatsache, dass letztens mein Vater gestorben ist? Ich weiß es nicht. Ich kann meine Emotionen nicht vorhersehen. Es gibt keinen Wetterradar für meine Stimmung. Meist verstehe ich mein Verhalten erst rückblickend. Vorausschauend nehme ich an, dass mich das noch treffen wird.

Oder, ich mich noch treffen werde. Zumindest mit einem Teil meiner Geschwister. Wir gehen nicht zur Beerdigung – und wir könnten auch gar nicht, weil wir drei keine Benachrichtung zum Tode bekommen haben. Ebenso haben wir keinen Einladung zum Leichenschmaus bekommen. Wir sind nicht erwünscht. Das ist angenehm, entbindet es mich doch einer geheuchelten Anteilnahme am Grab.

Wir werden herausfinden, wo er begraben liegt. Wir werden uns treffen, gemeinsam beide Gräber besuchen, und danach als Geschwister zusammensitzen und uns stärken. Gegenseitig. Vielleicht auch mit Kuchen. Uns für jedes Wetter wappnen. Uns auch bei Sturm nicht verbiegen lassen. Wir haben das überlebt, als Kinder. Jeder mit seiner eigenen Macke, weil man ohne Macke ein solche Kindheit nicht übersteht.

Mackellos ist auch langweilig.

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