Das ist die perfekte Welle. Mit Himmelbeeren anstelle von Kirschen. Ich mag Kirschen. Ich mag Himbeeren noch viel mehr.
Den Begriff Himmelbeere habe ich damals in München für mich kreiert. Ich lebte eine kurze Etappe dort. 22, 23, es war nicht von Dauer. Ich kam wegen eines Jobs. Ich ging wegen eines Jobs. Dazwischen wurde ich schwanger und mein erster Sohn ist in München geboren. Da ist er heute noch stolz drauf.
Einen Großteil meiner Zeit in München lebte ich gar nicht dort, sondern in einem Wohnwagen bei einem Zirkus. Meine kleine Wohnung in Schwabing stand in der Zeit leer. Meine Zeit beim Zirkus endete Hochschwanger und erst dann wohnte ich wirklich in München. Ich lernte mein Wohnumfeld kennen. Da war der Netto, der damals einzige fußläufig erreichbare Einkaufsladen. Vor dem Netto war ein Obst- und Gemüsestand samt einem fröhlichen, vermutlich türkischstämmigen Verkäufer. Ich kam häufig vorbei, ich bin schon damals gern täglich einkaufen gegangen. Irgendwie, keine Ahnung, ist so eine Angewohnheit. Und oft habe ich noch ein Schälchen Himmelbeeren bei ihm gekauft. Er mochte meine Wortschöpfung.
Noch eine Schale Himmelbeeren? Ja, so gern 🥰
Ob es den Netto noch gibt? Und den Obst- und Gemüsestand? Der zweite Stand dieser Art war in der U-Bahn Station unten, da habe ich auch regelmäßig eingekauft. Ob ich all das wiederfinde? Wieder erkenne? Mich noch auskenne? Auf der Ecke die Apotheke, in der ich nach der Geburt von Florian einkaufen war. Im Vorderhaus die Bio Bäckerei und der sehr spezielle, malzige Geruch. Beides ist noch am Standort Gundelindenstraße anzutreffen. Das hat mir das Internet schon verraten.
Ob die ältere Dame noch lebt, die damals die Dachgeschosswohnung im Hinterhaus an mich vermietet hat? Und ob ich das eventuell in der Bäckerei herausfinden kann? Es ist 30 Jahre her. Aber vielleicht war die Dame auch gar nicht so alt. Sie kam mir nur alt vor, weil ich so jung war. Eventuell war die erst 40 und wäre dann heute 70. Ein Alter, das man doch normalerweise erreicht. Jedenfalls manche von uns.
30 Jahre Himmelbeeren. Bald 30 Jahre Mutter. Bald bin ich 30 Jahre im Geschäft. Der Knaller. Hätte mir das jemand vor 30 Jahren erzählt, dass ich Mutter von 5 Kindern werde und manchmal heimlich eine Schale Himbeeren esse, ohne ihnen was abzugeben, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Also, dass ich nichts abgebe, schon, aber dass es 5 Kinder werden, eher nicht.
Das Leben bringt halt mitunter die ein oder andere Überraschung vorbei.
Im April diesen Jahres hatte ich überlegt, einfach mal so nach München zu fahren und zu schauen, wo ich lebte. Wo mein erstes Kind geboren ist. Wo ich mit ihm spazieren gegangen bin. Ob ich den Weg in den Englischen Garten wiederfinde, ob der Netto noch da ist, wie die Brötchen beim Bäcker heute schmecken. Ich möchte nochmal mit der U-Bahn fahren und über den Marienplatz schlendern. Ich möchte mich ein bisschen in Nostalgie sonnen. Einen kleinen Urlaub haben, für mich allein. Eventuell werde ich auch traurig sein, wir werden sehen. Ich nehme mich ja mit, und zu mir gehört dieser Tage auch eine kleine Traurigkeit.
Ich habe für zwei Tage ein Hotel in Schwabing gebucht, in der Nähe der Münchner Freiheit. Weil ich da lebte, früher. Weil es meine Gegend war. Weil ich dort spazieren gegangen bin.
Nur in der Vergangenheit zu spazieren wird mir nicht passieren – ich habe mir heute auch ein kleines Programm mit neuen Eindrücken herausgesucht. Mich begeistert schon lange Street Art. München hat ein paar schöne Geheimtipps, die ich mir anschauen will, sowie ein Museum mit einer spannenden Ausstellung. Ich werde viel unterwegs sein. Ich werde viel Fotografieren. Ich werde mich anreichern mit Eindrücken und Erlebnissen. Ich werde es genießen.
So, wie ich heute diese Donauwelle mit Himbeeren genossen habe, für mich allein, im Café Bluebee. K5 ist heute Mittag zum Vater gegangen, für ganze 13 Tage. Ich habe meinen Tag drumherum gut planen können. Wir haben morgens noch in Ruhe gefrühstückt, gemeinsam gemalt und eine Stunde Speedminton im Park gespielt. Dann habe ich Gymnastik gemacht und den neuen Grill aufgebaut, war am Nachmittag im Café und habe gelesen, und danach war ich noch einkaufen und habe für die großen Jungs und mich gekocht. Ein kleiner, guter Tag mit einem schönen Gespräch mit der Bedienung im Café, einem guten Buch und guten Gedanken. Zufrieden.

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