mit Panik im Herzen

Bald ist April, deshalb regnet es, graupelt und strahlt mich hell an, dieses Wetter. Ich durchwandere unterschiedliche Wetterzonen, von Sonne im Herzen über Dancing in the rain bis hin zu verdammt, ist mir kalt, warum habe ich die leichte Jacke angezogen??

Alles in einem Tag, in einem Café, in einem Wiesbaden. Mit ein wenig Panik im Herzen. Beginnend. Gerade habe ich das hier gelesen und gedacht: beginning is winning, spannend, ich bin immer noch auf der Datenautobahn, hupend, es kann mir oft nicht schnell genug gehen. Meist geht mir dabei dennoch der Spirit aus.

Was ich sagen will, ist: heute habe ich einen Ausflug gemacht und saß dabei lange im Zug. Im Zuge dessen habe ich gelesen. Und meinen verschollenen kleinen Bruder im Geiste gefunden. Von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn habe. Seine Geschichte hat so viele Parallelen zu meiner Geschichte, es ist erstaunlich. Was alles möglich war, damals. Unfassbar. Am liebsten möchte ich schreiben. Einen Titel habe ich auch schon: „Gaffa hält die Welt zusammen“

Ich bin Benjamin von Stuckrad-Barre begegnet, im Zug. Also, er war schon länger als Buchauswahl in meiner Tasche. Beginnend, habe ich nie eines seiner Bücher gelesen. War mir zu Pop. Oder ich war mit anderen Dingen beschäftigt. Mitunter ist es auch so. Und dann ist die Zeit schon wieder rum. Hier also hat mir ein Kollege das Panikherz empfohlen. Und wie ich da heute im Zug sitze, denke ich, okay, kannst du auch lesen – und lesen – und lesen – und denken, verdammt.

Meine Rettung

Was mich gerettet hat, damals, das war die frühe Schwangerschaft mit 22. Die Geburt meines Sohnes mit 23. Dieser Sohn. Dieses echte Leben. Windeln. Strampler. Dieses Lächeln, schon früh morgens, diese unfassbare Freude am Leben, dieses unbedarfte, vertrauende, dieses Gefühl, total im Jetzt zu sein. Mein Sohn. Mein Leben. Mein Ich. Meine weiteren Kinder. Ihr Lieben, ich weiß, wir sollten Kinder um ihrer selbst willen bekommen. Ich kenne kaum jemanden, bei dem das so gewesen. Die meisten Menschen bekommen Kinder aus egoistischen Gründen und auch, weil das so passiert. Ich habe euch bekommen, weil ich leben wollte. Und das will ich auch heute noch. Mit euch, leben. Ihr habt mir den Arsch gerettet, während ich euch den Arsch gepudert habe.

Warum? Weil ich ansonsten da gelandet wäre, wo Benjamin landete. In zig spannenden Jobs, für die ich gar nicht qualifiziert war, die ich dann aber doch angemessen hervorragend bewältigte. Plattenfirma fast inklusive. Die habe ich ausgelassen, aber das Angebot lag auf dem Tisch. Sony. Auch habe ich keine Witze für Harald Schmidt geschrieben. Aber ich war bei RTL Samstag Nacht, mit einem Künstler, den ich seinerzeit betreut habe. Nur hinter der Bühne, aber es war alles so unglaublich. Schräg. Meine erste Avocado habe ich da gegessen, bei der After-Show-Party. Avocado mit Lachs. Werde ich wohl nie vergessen. Esther, Wigand, Mirko, sie wirkten alle so alt und erfahren auf mich, die ich gerade mal 20 war. Dabei waren die kaum älter als ich. Nur – selbstsicherer? Ich jedenfalls stolperte über Kontakte in Kontakte, von Jobs in Jobs, war einfach lächelnd präsent, erhöhte meinen Selbstwert mit laminierten AAA-Aufklebern, habe das Geld der Abendkassen in Mülleimern gesammelt und später fein säuberlich sortiert und gezählt.

Ich war Rock’n’Roll, mit allen Sinnen, von allen Sinnen. Nur ohne diese Drogen. Die habe ich ausgelassen. Vielleicht wissend, dass sie mein Untergang gewesen wären. Dabei war ich nah dran, manchmal auch mitten drin. Ich erinnere ein durchvögeltes Wochenende bei Rock am Ring, es ist eine blassweiße Erinnerung. Ich war so jung. So lebendig. So ohne Plan. Und ohne Ziel.

Ziellos, unterwegs, eine Nacht gestanden, immer Cola und Unterwäsche zum wechseln im Auto, immer unterwegs. Manchmal allein, unter all den Menschen. Die Depressionen waren schon damals immer mit dabei. Oft war ich unsicher, mit all den Menschen. Dankbar, wenn da Menschen waren, die mir ein sicherer Hafen waren. Oft plappernd, alle Unsicherheiten in Worte hüllend. Auf After-Show-Partys noch und nüchtern und mich dennoch nicht erinnernd. Mich oft fragend, verdammt, was noch gleich tue ich hier?

Und dann kam mein Sohn und rettete mir mein Leben. Ich wurde sesshaft. Ich kochte. Ich wusch Wäsche. Okay, das habe ich natürlich auch davor schon getan. Aber mit Kind wurde ich ruhiger. Zu. Verlässlich. Zu. Frieden.

Panikherz

Ich lese Benjamin Stuckrad-Barre und mein Panikherz schwelgt in Erinnerungen. Verrückt. Nah am Wahnsinn. Ich erinnere viel Vergessenes.

So gut mir die frühe Schwangerschaft getan hat, sie hat auch bewirkt, dass ich unter dem Radar geflogen bin. Ich habe danach Jobs gemacht, für die ich überqualifiziert und unterbezahlt war. Kreativität, die ich aus Zeitgründen nicht ausgelebt habe. Bücher, die ich nicht geschrieben habe. Songs, die ich nicht gesungen habe. Filme, die ich nicht gedreht habe. Alles verdreht. Mein Talent, in Teilen unerforscht. Das Ziel? Gab es schon damals nicht. Was ich werden will, wenn ich groß bin? Berühmt! Ja, aber für was? Zu schüchtern für die große Bühne, auf den Mund gefallen, sobald ich eine Frage stellen soll, gehemmt, wenn ich in ein Mikrofon sprechen soll. Aber in meinen lebendigen Tagträumen genau dort.

Und all das begegnet mir gedanklich genau jetzt. Mal wieder an einem Punkt, an dem alles möglich sein muss. Gekündigt, aus betrieblichen Gründen. Dabei hätte ich selbst schon letztes Jahr kündigen müssen. Eigentlich schon vorletztes Jahr. Gequält, mich selbst gequält, einmal mehr ausgehalten, wo es nichts mehr zu halten gab. Anfangs, im Taumel der Glückseligkeit einer neuen Beziehung, geglaubt, im Job endlich angekommen zu sein. Um bald zu merken, hier ist es zugig. Und im Zuge dessen erkrankt, im vergangenen Jahr. Wieder Verluste von Freude. Wieder Anfangen. Wieder Beginnen. Wieder Aushalten. Wenn ich eines gelernt habe daheim, dann, Auszuhalten. Hätten sie mir doch beigebracht, Durchzuhalten anstelle einfach nur Auszuhalten! Wobei, wie weit ist das voneinander entfernt? Zählt das?

nicht mehr auszuhalten

Jedenfalls, ich habe es ausgehalten, bis ich nicht mehr ausgehalten wurde. Vor einem Monat kam die Kündigung. Betrieblich. Ja, es geht der Dienstleistung im IT-Bereich nicht so gut. Ja, mich wollte man sowieso loswerden. Weil, auch Ja, ich bin immer noch unbequem. Solange ich begeistert bin, bin ich der Wahnsinn. Aber wehe, ich verliere diese Begeisterung, bzw. beginne, hinter den Kulissen die dreckigen Handtücher aus der Ecke zu ziehen. Die fliegen dann alle auf einen Haufen und beginnen, feucht zu modern. Ich kann euch sagen. Der Backstage-Bereich riecht einfach nicht gut. Und die Menschen sind weniger glitzernd. Genausowenig, wie Vampire. Die glitzern auch nicht. Aber die Vorstellung könnte romantisch sein.

Hier war also nicht alles so schön, wie es auf der Bühne aussieht. Und ich wusste das, schon lange. Bin dennoch geblieben und habe nach Lampen gesucht, die alles in ein besseres Licht setzen. Wohl wissend, dass dabei die ein oder andere Glühbirne durchbrennen könnte. Gut geht anders. Und am Ende – bin ich nicht freiwillig gegangen, sondern habe mich dem ergeben. Dabei war das nie mein Anspruch. Nur Glühbirnen auszutauschen. Wollte ich nicht immer mehr? Aber was noch gleich? Weil, ein Ziel – nein, ein Ziel hatte ich nie. Das ist ja, was mir so sehr fehlt. Fehlt mir das?

Endlich ein Ziel?

Falls mir ein Ziel fehlt, kann ich mir ja jetzt eines setzen. Ein Buch schreiben, über Gaffa-Tape und den Rock’n’Roll. Einen neuen Job finden, so, wie früher. Einfach frech rausgehen und sagen – hier bin ich, das kann ich, das werde ich jetzt für euch tun. Ich habe mich nie in Frage gestellt. Deshalb hat mich auch nie jemand in Frage gestellt. Es gab Dinge, die ich nicht konnte. Eigentlich immer. Die habe ich dann gelernt. Heute kann ich ganz viel. Aber ich bin nur für eines Expertin: fürs Überleben.

Mit ein bisschen Panik im Herzen werde ich also tun, was ich immer getan habe. Wieder neu anfangen. Beginnen. Beginning is winning.

Falls wirklich ein Buch dabei herauskommt, werde ich es Benjamin widmen. Der jüngste Sohn der Familie. Bei mir heißt der vorletzte Sohn so. Weil doch noch was nachkam. Nix jüngster Sohn der Familie. Irren kann ich mich gut.

Auf Benjamin. Und das Herz. Und die Panik. Und die Freude.

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