Neues Spiel, neues Glück

Der erste Zettel der neuen Schule ist ausgefüllt, unterschrieben und in der Postmappe von K5 verstaut. Einladung zum Elternabend. Ich lasse die Pausetaste los und starte das Spiel nochmal.

Runde Fünf.

Neue Kinder. Neue Lehrer. Neue Eltern. Neue Wege. Neue Schule.

Alles aufregend. Neben wem sitze ich? Mit wem verbringe ich meine Pausen? Werde ich Kinder finden, mit denen ich mich gut verstehe? Wie wird es mit den Lehrern? Werde ich viel zu tun haben? Wie viele Hausaufgaben wird es geben? Komme ich gut klar?

Alles neu. Kein Plan von einem perfekt angepassten Verhalten. Keine Urteile, die schon gefallen sind. Keine Gruppen, die mich nicht mitspielen lassen. Alles neu!

Und natürlich wird es Verhalteng eben, es werden Urteile gefällt werden und er wird sich in Gruppen anpassen dürfen. Natürlich ist es kein Ego-Shooter-Spiel, wobei ich da beim Thema Schule mitunter nicht weiß, am Ende doch? Eine Teamleistung steht selten auf dem Zeugnis. Man stelle sich vor, Schule sei kollaborativ! Also, nicht nur zum Schein, wie bei angeordneten Gruppenaufgaben.

Ich liebe es, irgendwo neu anzufangen. So großartig, alle Antennen sind maximal ausgefahren und auf vollen Empfang ausgerichtet, der Körper arbeitet durchgehend, auf allen Ebenen. Ich hoffe, dieses Gefühl ganz bald auch wieder zu haben, im Job. Noch habe ich aus dieser Richtung keine Rückmeldung. Falls sich das jemand fragt – ich warte. Geduldig. Tatsächlich bin ich so intensiv beschäftigt mit den Veränderungen im Alltag meines jüngsten Kindes, dass meine eigenen Themen ein Nebenschauplatz sind.

Heute war die Einschulung meines 5. Kindes in die 5. Klasse. Er geht ohne Netz und doppelten Boden. Kein bester Freund, niemand aus seiner alten Klasse in der Grundschule. Ein paar Jungs aus den ehemaligen Parallelklassen, die jetzt auch in der Parallelklasse sind. Es ist natürlich ein Stück weit einfacher, wenn man schon ein paar Menschen kennt, vielleicht einen Sitznachbar hat, einen Anker.

Mir persönlich fällt es zum Beispiel deutlich leichter, zu netzwerken, wenn ich schon jemand kenne im Raum, auf der Veranstaltung, beim Elternabend. Ich komme dann leichter ins Gespräch, fühle mich sicherer. Ich strahle am leichtesten, wenn ich weiß, dass ich Menschen in der Nähe habe, auf die ich mich emotional verlassen kann.

Ich wirke oft nach außen, als sei ich eine totale Rampensau. Das ist tatsächlich nicht die Wahrheit. Ich kann das sein – sogar ohne Menschen zu kennen – aber je niedriger der Prozentsatz an Kontaktpunkten ist, umso schwerer fällt es mir. Wobei das auch davon abhängt, auf welcher Veranstaltung ich tanze. Bin ich allein in der Disco, allein auf einem Meetup oder allein in der neuen Firma? In der Disco mache ich vermutlich keinen neuen Kontakt, es sei denn, ich werde angesprochen. Beim Meetup gehe ich mit in ein Gespräch, das ist auch so vorgesehen. Und in der neuen Firma bin ich ja schon gewollt – ich wurde eingestellt und habe eine neue Rolle zugewiesen bekommen – da habe ich keinerlei Problem, mich zu orientieren und in Kontakt zu kommen. Das ist easy.

Also, ich bin quasi nicht so die Rampensau in der Disco und mitunter schüchtern beim Meetup, aber im neuen Job mit neuen Menschen mit denen ich zusammenarbeiten darf, da habe ich eine Ebene, die schon da ist und die sich leicht anfühlt. Wir müssen quasi ins Gespräch kommen. Da kann nicht dran vorbei getanzt werden.

Ähnlich in der neuen Schule. Es sah heute so aus, als könne mein Sohn sehr gut mit der Situation umgehen. Sie war ihm auch schon länger bekannt, das kam jetzt nicht überraschend für ihn. All seine engeren Freunde gehen jetzt aufs Gymnasium, teilweise in G8. Er geht auf die integrative Gesamtschule mit hohem Ausländeranteil. Das wünschen sich die Akademikereltern in unserem direkten nachbarschaftlichen Umfeld eher selten.

Ich hingegen, keine Akademikerin, wünsche mir einfach nur ein gutes schulisches Umfeld, in dem mein Kind seine Skills weiter ausbauen und sich wohlfühlen kann. Jaja, ich weiß, niemand geht zum wohlfühlen in die Schule, schließlich soll hier Leistung bei rauskommen. Aber das Gras wächst auch nicht schneller, nur weil ich doller dran ziehe.

Ich ziehe total ungern an meinen Kindern. Es ist mir auch viel zu anstrengend. Die dürfen selbst wachsen, ihre eigene Begeisterung finden, nach Möglichkeit für echte Dinge wie Fußball, Kühe oder das Weltall. Computerspiele dürfen sein, sollten aber nicht den Raum füllen.

K5 hatte die Empfehlung zum Gymnasium. An der Intelligenz würde es hier auch nicht scheitern. Allerdings hat er wenig Lust, das zu tun, was er tun muss. Er will lieber das tun, was ihm Freude bereitet. Dinge, die sinnlos sind (und wir alle kennen sie, in der Schule gibt es davon überraschend viele) lassen ihn auf der Strecke. Und dann hinterfragt dieses Kind. Er denkt laut, er ist kritisch, er schlägt neue Wege vor, er will so ziemlich alles wissen, vor allem, das Warum. Also, eher ein Mit-Denker und weniger ein Mit-Läufer.

Für die Schule, speziell für ein Gymnasium mit G8, ist das weniger von Vorteil. Da muss gemacht werden, was auf dem Lehrplan steht, nach Möglichkeit, ohne darüber nachzudenken, ob das sinnvoll ist. Man arbeitet ab. Mein Sohn arbeitet aber nix ab. Jedenfalls nicht freiwillig. Es gibt Kinder, die lesen gern und machen in der Grundschule alle freiwilligen Aufgaben on Top. Er gehört nicht zu diesen Kindern.

Da könnte man jetzt sagen, aber Hallo! Bisschen mehr Druck und dann läuft das schon. Stimmt.

Deshalb bekommt er auch morgen früh mehr Druck auf den Vorderreifen vom Fahrrad, dann läuft das tatsächlich besser!

Mehr muss man dazu nicht wissen. Er wollte auf diese Schule. Er hat sich das so ausgesucht, mit all diesen unbekannten Parametern. Und er machte heute jedenfalls einen sehr zufriedenen Eindruck.

Jetzt ist also auch mein jüngstes Kind auf der weiterführende Schule. Und nicht auf einem angesehenen Gymnasium. Starke Leistung!

Weiterführende Schule also. Mehr Autonomie. Weniger Kontrolle. Mehr Dinge, die er selbst entscheiden kann. Das freut mich sehr für ihn, es ist so wichtig! Ich glaube, beim Thema Autonomie tickt er genauso wie der Rest der Familie. Es ist für uns alle außerordentlich wichtig. Ich hasse es wie die Pest, eingeschränkt zu sein. Mir ist bewusst, dass ich als Vorbild für meine Kinder herhalten darf. Das tue ich auch, meist völlig ungeschminkt und aus dem Bauch heraus. Ich habe hier keinen großen Plan und kommuniziere mich an dem entlang. Nö. Ich mache, wie ich will. Meine Sprache ist mitunter derbe, ich habe einen ausgeprägten Sinn für sehr schlechten Humor, benehme mich gern daneben und feuere meine Kinder an, wenn sie kritisch sind. Also, anderen gegenüber. Mir Gegenüber natürlich nicht, da verstehe ich dann keinen Spaß mehr.

Spaß!

Also, Ja. Ich mag es, wenn meine Kinder laut kundtun, wenn ihnen ein Unbill geschieht. Sie dürfen, besser sogar, sie sollen kommunikativ laut sein. Nein ist davon abgesehen ein vollständiger Satz und braucht keine Erläuterung.

Wie ich da jetzt darauf komme? Keine Ahnung, vielleicht, weil ich heute ein gutes Gespräch mit Menschen aus der Betreuung an der neuen Schule geführt habe? Der offene Treff, beste Institution ever. Man muss sich nicht anmelden. Man kann einfach hingehen, wenn man dazu Lust hat. Es ist hell und gemütlich, direkt neben der Mensa und die Menschen machen einen freundlichen Eindruck. Man muss sich nicht „in der Mitte abmelden“ und es gibt auch kein „du darfst noch nicht nach Hause, du bist bis 15 Uhr angemeldet“.

Okay, in der Grundschule ist es natürlich auch anders. Die Kinder sind kleiner, der Anspruch an die Betreuung ist entsprechend größer. Das ist sinnvoll. Wir freuen uns jetzt einfach, dass diese Zeit vorbei ist. Es wird andere Herausforderungen geben. Mit mehr Autonomie kommt auch mehr Verantwortung für das eigene Handeln und Tun. Das ist so wunderbar! Das ganze Leben fühlt sich doch leichter an, wenn ich selbst entscheiden kann, wie ich es gestalten will.

Nun, soweit das in der 5. Klasse schon geht. Natürlich gibt es weiterhin Einschränkungen, sowohl auf Seiten der Schule als auch auf meiner Seite. Natürlich darf mein Sohn nicht alles selbst entscheiden, er muss seine Zähne putzen und seine Hausaufgaben machen, er braucht seinen Rahmen, um sich gut entwickeln zu können. Ich schicke ihn nicht direkt in die Überforderung. Aber ich fordere ihn heraus. Selbst zu entscheiden. Sich seinen Raum zu gestalten. Zu überlegen, will ich in die Betreuung, oder gehe ich lieber direkt heim. Wann packe ich meine Schultasche, am Abend oder am Morgen. Er darf das für sich herausfinden. Wie gehe ich mit welchem Lehrer um, was braucht es, damit ich mich wohl fühle, wie spreche ich mit meinen Klassenkameraden, alles ganz wunderbare Möglichkeiten, zu wachsen. Ich feiere das!

Apropos feiern – wir haben am Nachmittag teilweise gemeinsam gefeiert, so, wie seine älteren Geschwister Zeit hatten. Es gab sogar eine von mir selbst gebastelte Schultüte, aber natürlich erst NACH der Zeremonie in der Schule. Blamieren soll er sich ja nicht am ersten Tag.

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