Sammelalben. Was eine Last, was eine Lust. Ich kann mich so gut an mein erstes Sammelalbum erinnern, da war ich in der Grundschule. Es war eines von Sarah Kay, hochromantisch, und diese wunderbaren Hüte 💚
Diese Aufregung, wenn ich ein neues Pack öffnen konnte!! Ich habe jeden Abend die Bilder gezählt, mein Taschengeld in Kartenpacks versenkt und eifrig Doppelte getauscht. Es war sehr intensiv und wenn ich das so erinnere, verstehe ich, wie es meinem Sohn und vielen anderen gerade mit dem Panini-Sammelalbum zur Fußball WM geht. Wir sind aus dem Zeitalter der Jäger und Sammler noch nicht so wirklich herausgewachsen.
Im Grunde sind Sammelkarten eine Gelddruckmaschine und irgendwie wird unsere Leidenschaft zum Sammeln schon arg ausgenutzt. fiese Masche, um Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen. Dabei fühlt es sich erstmal harmlos an. 1,50 Euro für ein Päckchen mit 7 Stickern. Was sind schon 1,50 Euro dieser Tage? Dafür bekommt man in keinem Fall einen Kaffee und auch kein Glas Wasser. Bei Sammelheften, die 900 Sticker stark sind, ist das natürlich irgendwie halt doch Wasser auf den heißen Stein. Zisch, weg. All das Geld. Und all die Doppelten, die sich dabei ergeben. Und all der Spaß, gerade mit den Doppelten. Ich glaube, gerade die Doppelten machen den Reiz aus. Sie bringen uns ins Gespräch.
Weil, einfach Bildchen einkleben, das kann ja jeder. Es macht auch durchaus Freude, ein neues Pack aufzumachen und ganz gespannt zu schauen, wer ist drin? Aber die eigentliche Macht ist das Tauschen. Der Austausch mit anderen Menschen, die auch sammeln. Diese Begeisterung, dieses „ich suche noch Harland, ich tausche gegen Messi“ oder auch „Für Kane gebe ich dir drei andere Spieler. Okay, vier? Ja? Geil!“.
Also, mega! Allein, zu üben, sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Den besten Deal zu machen. Oder auch mal etwas nachzugeben und jemandem eine Freude zu machen. Das ist alles mit dabei, für Sammler. Auch der Austausch mit Gleichbegeisterten tut einfach gut. Eventuell brauche ich doch noch ein Hobby dieser Art. Im Keller sind noch 250 Lustige Taschenbücher. Ob ich die auch tauschen kann? Wobei, in diesem Fall wäre auch einfach verkaufen schon ausreichend. Die möchte ich nicht mehr weiter sammeln …
Ich habe mich heute weiter gesammelt. Meine Stimmung ist besser. Als Ferienevent haben wir heute spontan einen Besuch in der Innenstadt eingeplant, samt Friseurbesuch. Der war dringend notwendig, wegen all der Zotteln. Jetzt ist es ein gemäßigtes Kind, jedenfalls am Kopf.
Als besonderen Event habe ich die Tauschbörse am Kiosk im Luisencenter ins Spiel gebracht. Mein Sohn war begeistert! Da waren Menschen, die haben auch Doppelte und wollen die gern eintauschen …
Ich saß währenddessen vor dem Kiosk mit einer netten älteren Dame, 83 Jahre jung, ihr Enkel und mein Sohn waren bereits im Austausch. Darüber sind wir auch schnell ins Gespräch gekommen, und was ein schönes Gespräch das war! Herrlich! Genau das, was ich besonders schätze. Zufallsbegegnungen. Echte Geschichten. Einfach und unverfälscht und nie im Leben hätte ich das erwartet.
Was eine tolle Dame! Hellwach, begeistert, analytisch, anwesend. So werde ich auch gern 80+. Sie arbeitet noch zweimal die Woche im Museum. Macht ihr Spaß, hält sie fit und wach und bringt ein kleines Zubrot zur Rente. Was soll ich denn sonst machen? Kann ja nicht sein, dass es am Ende nur das Kinder kriegen ist, das übrig bleibt. Da muss ja noch ein bisschen mehr sein als nur Mutter gewesen zu sein.
Sagt sie und ich sitze da und denke, genau! Es ist wunderbar, Kinder zu haben. Enkel stelle ich mir auch mega vor. Aber das der Zweck meiner Existenz das Mutter-Sein ist, das bezweifle ich ganz stark. Definitiv ist es das nicht. Dafür arbeite ich zu gerne – habe ich zu gerne gearbeitet – dafür bin ich zu begeistert von Freiräumen, dafür denke ich zu raumfüllend. Definitiv bin ich nicht als Heimchen am Herd geboren. So schön das ist, ein gutes Essen für die Kinder und mich selbst auf den Tisch zu stellen, es ist nicht der Sinn meines Lebens.
Was auch immer der Sinn ist, Kinder sind nur ein Teil davon. Ich glaube, stetig weiter zu lernen, das wäre so in meinem Sinne. Auch im Sinne der älteren Dame, von der ich den Namen nicht erfragt habe, weil er nichts zur Sache tut. Die letzte Weiterbildung hat sie mit 73 gemacht. Ja, wow! Sie hat jahrelang als Erzieherin gearbeitet und war dem körperlich irgendwann nicht mehr gewachsen. Und da hat sie sich was Neues gesucht und ist auf eine Bürotätigkeit umgesattelt. Einen Job hat sie auch gefunden. Wirklich beeindruckend. Andere setzen sich da und auch zu Recht zur Ruhe. Diese Ruhe, sie ist aber nicht für Alle gut. Manche wollen mehr und haben Spaß dabei.
Diesen Spaß wünsche ich mir auch. Ich brauche kein neues Hobby und muss auch keine neue Sprache lernen, um mein Hirn auf Trab zu halten. Es reicht, wenn ich mich um das eine, wirklich wichtige Projekt kümmere. Und das heißt: Job finden!
Und es reicht ebenfalls, wenn ich das ab dem 27.7. tue, wie ich es mir vorgenommen habe. Bis dahin darf ich bis 10 Uhr schlafen, Panini-Bilder einkleben und lecker kochen. Alles dufte.
Von über 50 Doppelten sind nur noch 9 Stück übrig, übrigens. Die Ausbeute war genial. Die Stimmung auch. Wir haben heute viel wenig gemacht, und es war gut so. Gute Gespräche inklusive. Dieses „mit random Menschen sprechen und ihnen zuhören und auch einen Teil meiner Geschichte teilen“, das macht mir einfach sehr viel Spaß. Vielleicht sollte ich einfach Geschichtenerzählerin werden.
Ich muss keine Sorge haben vor diesen Tagen aus dem Sammelalbum. Es ist Sommer. Es sind Ferien. Ich werde das Überleben. Ich sammele Erfahrungen und Gespräche und es ist wunderbar. Auch die schweren Montage gehören dazu. Sie dürfen sich auch im Sammelalbum einen Platz suchen.

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