sich verstanden fühlen

Sich verstanden fühlen.

Und dann noch gutes Essen, Kerzenschein und leise Klaviermusik. Barfuß, noch nicht am Klavier, aber in Gedanken schon mit dem Schaffell auf dem Boden und der Freude in den Fingern.

Gefühle klimpern durch die Wohnung, untermalt von Sonnenstrahlen. Es ist ruhig, bis auf diese Playlist mit all ihrer Wucht und Stärke. Diese Playlist – seit neun Jahren sammele ich im erweiterten Freundeskreis die Musik des Jahres dieser Menschen. Daraus sind in 2025 über zehn Stunden Musik entstanden, die einen bunten Reigen an Gefühlen abspielen. Es ist wunderbar. Jedes Jahr aufs Neue.

Es ist vor dem Mittag am ersten Feiertag. Ich bin noch allein. Meine großen Kinder sind gestern Abend heim gefahren und ich habe gestern noch zwei Stunden auf dem Sofa gelegen und mit vielen Menschen geschrieben. Die Playlist geteilt, ein frohes Fest gewünscht, mich für all die tolle Musik bedankt und mich gefreut, dass ich auch in diesem Jahr eine wunderbare Playlist teilen konnte.

Heute morgen habe ich dann erstmal die Küche inspiziert. Wenn nur drei Personen Heiligabend feiern, ist das überschaubarer, als wenn es sechs Personen sind. Ein wenig Arbeit liegt dort aber dennoch für mich. Später.

Jetzt genieße ich erstmal noch die Ruhe, bevor K5 wieder heim kommt und mein Denken und Fühlen völlig in Beschlag nimmt. Wie es nur (noch) kleinere Kinder können, mit aller Wucht und allem Sein. Ich bin! Hier bin ich!

Noch ist er so. Und so anstrengend das auch manchmal ist, so sehr genieße iches auch. Es ist mein letztes Mal. Weil es sich in den kommenden Jahre verändern wird. Die Zeit wird kommen, da sagt er Hallo und verschwindet im Zimmer. Für mehrere Jahre. Und dann kommt er irgendwann aus seinem Zimmer wieder raus und ist groß. That’s it. Wer das einmal verstanden hat, der kann es auch akzeptieren. Dieser Prozess des Wachsens und des Entwachsens ist prägend und wichtig und braucht Ruhe und Verständnis. Sich verstanden fühlen. Dann kommen sie zumindest zum Abendessen wieder raus aus der Höhle 😉

Ich habe mich gestern auch verstanden gefühlt. In einer Form, die ganz viel Ruhe gebracht hat. Von meiner Tochter. Sie versteht mich vermutlich schon länger, aber selten habe ich das auch so intensiv gefühlt. Was hatte ich nicht für Phasen. Von totaler Traurigkeit über einen gewissen verzweifelten Überlebenswillen über keinerlei Gefühl. Keine Freude. Kein Glück. Keine Leichtigkeit. Keine Liebe. Einfach – Nichts. Nicht vorstellbar, entsetzlich, kalt, einsam, verzweifelt. Von Tag zu Tag überlebend, funktionierend, erschöpfend. Überlegend, doch eine Psychopatin zu sein. Quälende Gedanken. Kann ich fühlen, lieben, wertschätzen? Oder bin ich berechnend, kalt, ausnutzend, übergehend?

Spoiler: ich bin keine Psychopatin. Glück gehabt. Weil, ich fühle wieder. All das, was verloren war. Die Liebe. Die Leichtigkeit. Die Freude. Ich lache wieder. Ich weine wieder bei traurigen Filmen. Ich fühle mit. Ich springe auf. Ich setze mich ein. Ich achte auf die Bedürfnisse anderer. Alles, das, was mir unmöglich war, über Wochen, Monate, über Jahre. Im emotionalen Niemandsland habe ich versucht, zu überleben, habe mir Routinen gebaut und versucht, meinen Kindern zu geben, was ich selbst nicht mehr hatte. Wie liebt man seine Kinder, wenn man die Liebe nur noch erahnen, aber nicht mehr fühlen kann? Wie sollen sie sich verstanden fühlen, wenn man sich selbst nicht mehr versteht?

Dass es gelungen ist, habe ich gestern Abend in einer langen Umarmung spüren können. Meine Tochter, die mich in den Arm nimmt, weil ich weine. Weine um Jahre, um Glaubenssätze, um Einschränken, weine, weil es mir leid tut. Weil ich so lange nicht lieben konnte. Weine, weil ich dankbar bin – dankbar, dass meine Kinder hier sind. Dass sie mich lieben, wie ich bin. Dass sie mir verzeihen, dass sie verstehen. Dass sie verstehen, dass es nichts mit ihnen zu tun hat – sondern ein Teil der Krankheit ist, dieses „nicht fühlen können“. Weine, weil ich sie so sehr liebe, weine, weil ich dankbar bin, dass ich lieben kann.

Danke, liebe große Tochter! Da war kein Vorwurf, kein „ich hätte mir eine andere Kindheit gewünscht“. Nur viel Verständnis für eine Situation, für die niemand etwas konnte. Ich habe mir meine Krankheit nicht ausgesucht. Von mir aus hätte sie nie auftauchen müssen. Aber sie hat mich auch viel gelehrt, viel ermöglicht. Besser zu fühlen, achtsamer zu sein, Gesundheit nicht als selbstverständlich zu nehmen und meine Lieben jeden Tag in den Arm zu nehmen. Jeden Tag zu sagen, ich liebe dich. Du bist ein Licht. Du bist ein Segen. Du bist gut, wie du bist.

Und wenn Teenager jahrelang im Zimmer vor sich hin reifen wie ein Käse, dann werde ich da sein und mit ihnen feiern, wenn sie Reife erlangt haben. Und bis dahin – lüfte ich ab und an.

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