Stabil

Stabilität ist, was ich mir wünsche. Im Bus bei einer Vollbremsung nicht umfallen. Socken im Stehen anziehen. Vom Sofa aufstehen, ohne die Hände zur Hilfe nehmen zu müssen.

Stabil.

Schon schön, wenn man beim Aufstehen im Bus nicht das Gleichgewicht verliert und beim Aussteigen die Stufe locker abfedert, ohne dass die Knie weh tun oder das Großzehengrundgelenk Aua schreit.
Schon schön, wenn man eine Zeitlang aufgerichtet sitzen kann, ohne dass der untere Rücken weint.

Bei der Geburt meines ersten Kindes vor jetzt bald 30 Jahren saß der Schmerz vollumfänglich im unteren Rücken. Gegen Ende der Eröffnungsphase, quasi beim Übergang in die Austreibungsphase dachte ich, okay, das wars. Mir bricht jetzt der Rücken.

Ich bin mir nicht sicher, ob man sich in der Form „den Rücken brechen“ kann, aber es fühlte sich endgültig an. So, als wäre es mein Ende. Ich hatte schon damals einen schwachen Rücken. Ich erinnere noch, dass ich auf der Seite lag und Andreas mit den unteren Rücken massiert bzw. bei jeder Wehe gegen meinen Rücken gedrückt hat, damit ich das aushalten kann. Es hat geholfen. Die Unterstützung im Rücken hat mich entlastet. Ich erinnere mich daran deutlicher als an viele andere Momente dieser ersten, ansonsten völlig unkomplizierten Geburt.

Stabile Geburt.

Geburten stellen den Körper völlig auf den Kopf. Es ist erstaunlich, was auszuhalten ist. Unser Körper ist ein Wunder.

Es wundert daher nicht, dass auch ich mir ab und an Gedanken um ihn mache. Wie kann ich dieses Wunder jenseits von Eröffnung und Austreibung geschmeidig und fit halten? Wie bekomme ich die Stabilität, die ich in meinem Leben ohne Auto dringend brauche? Busfahren ist nicht ungefährlich, jedenfalls nicht in Darmstadt, und nicht, wenn ihr versehentlich mit dem R-Bus fahrt. Hier werden nur Busfahrer eingesetzt, die zum Klientel der beiden Schulen und der beiden Fitnessstudios passen, scheint mir 🙂

Sie haben ständig Verspätung und geben deshalb auch immer Vollgas 🙂

Mich stabil halten ist also ein Thema, und das auch schon seit vielen Jahren. Ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich etwas sportlicher unterwegs war, aber alles in allem bin ich eher muskulär weich, träge und ein wenig faul. Liebevoll betrachtet bin ich gemütlich. Ich liebe es, zu essen. Essen ist ganz wunderbar. Ben&Jerry Eis ist auch ganz wunderbar. Beweglichkeit wäre auch ganz wunderbar, sie lässt sich aber leider nicht löffeln.

Meine Themen konfrontieren mich in regelmäßigen Abständen und stellen Bezug zur Realität her. Im Grunde feiere ich es also, dass ich weiterhin mit dem R-Bus zum Bahnhof fahre, weil das die schnellste und stabilste Verbindung ist. Vom Bahnhof aus ging es heute dann mit meinem Trolley in die S-Bahn und nach einem kurzen Fußmarsch war ich in meiner Lieblingssauna. Ausruhen. Das liegt mir auch ganz gut.

Es war schön! Es ist fast immer schön dort. Wie Urlaub. Faul auf der Liege liegen, ein Buch lesen, ab und an zum Schwitzen in der Sauna verschwinden, im Bistro sehr gut essen, schwimmen im kalten Außenpool, eine Runde schlafen und vor allem: viel denken. Ich denke in unterschiedlichen Mustern, komme auf ganz neue Gedanken, spiele gedanklich vor mich hin. Ich genieße das sehr. Ich fühle mich leicht, wenn ich einen Tag in der Sauna verbringen kann. So, als würde ich gern einfach ein Rad schlagen auf der Wiese.

Meine Psyche hält die Sauna stabil. Es ist eines der Tools, auf die ich nicht verzichten kann. Die Auszeiten in der Sauna sind ein Teil des Gerüsts, das mich im Alltag stabil hält. Bewegung gehört auch dazu, deshalb habe ich mich heute auch mal in den Innenpool gewagt und bin eine kleine Runde geschwommen. Ich kann feststellen, meine rechte Schulter ist noch eingeschränkt (Anm. der Redaktion, die Protagonistin hatte im vergangenen Jahr eine Frozen Shoulder), aber die Zugbewegung für den Kraul geht wieder. Ich könnte wieder kraulen. Allerdings bitte mit Schwimmbrille. Ohne Schwimmbrille ist es eher ein Zappeln.

Gespürt habe ich beim Schwimmen auch meinen unteren Rücken und den Bauch. Beide sind nicht kräftig genug, um meinen Hintern längere Zeit knapp unter der Wasseroberfläche zu halten. Ich sinke ab. So, wie ich beim Sitzen sinke. In mich zusammen.

An dieser Stabilität kann ich arbeiten. Heute habe ich mir viele Gedanken um die Stärkung meiner Selbst gemacht. Ich werde sicherlich keine Kinder mehr bekommen. Aber ich würde gern dieses Rad schlagen können, nackt, auf der Wiese in der Sauna. Das ist eine schöne Vorstellung. Völlig leicht und locker, einfach so, aus purer Freude. Ein Rad schlagen.

Ich sehe, da steht schon das nächste Projekt vor meiner Tür und will rein. Ich habe noch nie ein Rad schlagen können. Dann kann das ja nur gut werden 😱

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