Wenn du denkst, du tanzt nicht mehr, dann komm an dieses Plätzchen her 😉
U-Bahn Dancefloor, nachts auf dem Heimweg ins Hotel. Daheim, im Hotel. Mit Discokugel neben dem Bett und rosa Fliesen im Bad.
Daheim, von früher, wo die Dielen noch knarzen und auch der Gasherd noch da ist. Die Stufen in der Stiege sind noch genauso schmal wie vor 30 Jahren, und in den Hinterhof käme ich heute wohl nicht mehr mit dem 7,5 Tonner.
Ich, Andreas und der Kleine Flo in seinem Maxicosi mit gringem Clownsbezug. Irre. Wie intensiv wir gelebt haben.
Ich muss so Ende 20 gewesen sein, als ich auf die Frage, was ich schlimmer fände, blind, taub oder gelähmt zu sein, antwortete, dass gelähmt zu sein mein absoluter Alptraum sei. Weil ich dann nicht mehr tanzen könne. Auf den Hinweis, dass ich als tauber Mensch ja nun auch keine Musik mehr hören könne, konnte ich nur schmunzeln. Weil, ja, aber ich erinnere doch alle Musik in meinem Kopf. Davon ab höre ich Musik auch, wenn sie laut ist. Im Herzen kann ich tanzen, auch ohne zu hören. Und so tanzte ich –
Vorhin, in der U-Bahn Station Marienplatz. Ein kleines Tänzchen, mit mir. Der Schwung ist da, hat mich den gesamten Tag begleitet. Ein leichter Tag, voller unglaublicher Energie und besonderer Begegnungen. Das Team an der Rezeption hier im Hotel, dass mir mit silberfarbenen Gaffatape ausgeholfen hat, um meine Handtasche zu flicken. Martin, der Bäcker, der schon vor über 30 Jahren in der Bäckerei im Vorderhaus gearbeitet hat. Katharina, die mir die Tür zu meiner alten Wohnung geöffnet hat. Die Bedienung im „Der Kleine Flo“, die besonders aufmerksam war. Helga, deren Passion die Fashion ist, die ich auf dem Rückweg zum Hotel kennengelernt habe und hoffentlich morgen zum Frühstück wiedersehe.
Menschen. Ich mitten unter ihnen. Gespräche, so leicht wie Tanzschritte, beschwingt. Die Zugfahrt, ohne Zwischenfälle, ich habe einfach alle Anschlüsse bekommen und war planmäßig um 16:23 Uhr in München.
Und dann diese zufälligen Möglichkeiten, die sich ergeben haben. Ich laufe durch die Gundelindenstraße. Die Apotheke am Eck, der Bio-Bäcker, es ist, als sei die Zeit stehen geblieben. Dabei ist es 18:29 Uhr. Die Bäckerei schließt um 18:30 Uhr. Die Verkaufsstände mit Bio-Obst und -Gemüse stehen noch auf der Straße. Es sieht aus, als seien es die gleichen Körbe wie vor 30 Jahren. Als sei die Zeit angehalten. Als würde noch von Hand gebacken. Als rieche ich meine Vergangenheit.
Drinnen sitzt Martin auf den Stufen. Martin, der schon vor 30 Jahren hier als Bäcker gearbeitet hat. Wir versuchen, uns zu erinnern, finden aber nicht zueinander. Es genügt auch, dass ich ihm erzähle, wie es war, damals, und dass ich gerade in München bin, um zu fühlen. Mich zu fühlen, die ich vor 30 Jahren Mutter geworden bin. Wie ich lebte. Wie ich tanzte. Wie ich war. Wo ich war. Wer ich war. Und erstaunlich, wie viel von mir ich heute gefunden habe.
Martin nimmt mich mit in den Hinterhof. Da steht noch die Bank, auf der Andreas so gerne vor dem IT-Laden mit Achim saß. Eine kleine Butze voller Ideation. Heute würden wir das ein Startup nennen. Achim ist leider schon verstorben. Meine alte Vermieterin auch.
Im Hausflur ist noch der Stuck an der Wand. Ich tanze die Treppe hinauf, klingele bei Katharina und werde tatsächlich hereingelassen. Ich strahle offensichtlich so viel Freude aus, dass mir Menschen einfach vertrauen. Und da stehe ich. Auf dem alten Dielenboden, der noch genauso knarzt wie vor 30 Jahren. Sie hat in der Küche einen runden Tisch stehen, an der Stelle, an der mein runder Tisch damals auch stand.
Ich sehe noch das Plakat vor mir, Marc von Take That, an der Tür zum hinteren Zimmer. Mein altes Bett. Vollholz. Eingezogen bin ich als Single. Ausgezogen bin ich mit Mann und kleiner Maus. Entschuldigung, mit Kleinem Flo.
Es ist ein Tanz in die Vergangenheit und dabei so präsent, wie es nur die Gegenwart sein kann. Eigentlich wollte ich erzählen, wie ich mal im Zug mein halbes Leben liegen gelassen habe und nur mit einem Kaffee und einem Eierbrötchen zurückgeblieben bin. Nun, diese Geschichte erzählt sich sowieso besser im Zuge. Also lasse ich sie später zum Zuge kommen.
Jetzt tanze ich ins Bett. Mit meiner neuen Playlist, die ich im „Der Kleine Flo“ mitgenommen habe. Da saß ich, schon allein wegen des Namens, und aß ein kleines Flo-Menü. Mini-Burger, gute Pommes, Flo’s Classic Ice-Tea und Nachtisch musste natürlich auch sein. Im Hintergrund lief Musik. Dancing with Tears in my eyes.
Heute ohne Tränen, einfach nur voller Emotionen, voller Leichtigkeit, voller Freude, mit Hüftschwung. Als sei alles möglich im Leben. Helga sagte vorhin, 2026 sei das Jahr der Veränderung. Ich fühle schon, wie es mich verändert. Allein, in einer neuen Umgebung zu sein ist schon wie in den Jungbrunnen gefallen zu sein.
Ob auf so viele Tanzschritte ein paar Schritte zurück folgen, wie letztens erst? Weil ich bei zu viel Glück mitunter einen richtigen Kater bekomme? Ganz ehrlich, egal. Allein, das hier zu fühlen, ist Grund genug.

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