unerkannt

Ich bin nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr, wie ich war. Ich habe mich zurückgezogen. Kann ich mich jetzt zurück ziehen? In eine Welt, in der ich Charisma nicht nur als Spitznamen hatte?

Am Montag war ich nochmal auf dem Heinerfest. Nachdem ich am Abend vorher mit meinem Sohn wirklich eine wunderbare Zeit dort hatte, bin ich den Einladungen von Freundinnen gefolgt. Konzert von Pfund und Feuerwerk, wie jeden Montag beim Heinerfest. Ich, seit Jahren zum ersten Mal wieder beim Heinerfest.

Die Band, Pfund, ist eine Coverband aus Darmstadt und ich habe in all den vergangenen Jahren keines ihrer Konzerte gesehen. Dabei kenne ich den Sänger ziemlich gut, jedenfalls von früher. Er ist einer der Menschen, die mich erkannt haben. Ein früher Bewunderer aus dieser verzauberten Zeit, zwischen 19 und 22 Jahren.

Wir haben keinerlei Berührungspunkte in unseren aktuellen Leben. Zuletzt bin ich ihm vor gut 4 oder 5 Jahren in der Centralstation begegnet, er hat an dem Abend als DJ aufgelegt. Und stand auf einmal unten auf der Tanzfläche vor mir und hat sich einfach irre gefreut, mich zu sehen. Ein bisschen verrückt, wie er da vor mir stand, mich in den Arm genommen hat und meinte: „Ich habe dich am Tanzen erkannt. Ich würde dich immer und überall am Tanzen erkennen. “

Vielleicht hätte ich am Montag tanzen sollen? Aber da war wenig Platz, es war unebener Boden (grobe Pflastersteine), es war heiß und ich war nicht in der Stimmung. Kein Wunder also, blieb ich unerkannt. Dabei hatte ich fest damit gerechnet. Ich hatte mich schon diebisch gefreut, eine Überraschung für ihn zu sein, wo ich doch in 20 Jahren auf keines seiner Konzerte gekommen bin. Ich dachte, er würde sich einfach super freuen, auch mal für mich zu singen.

Und dann läuft er nach der Pause quasi an mir vorbei und ich sage so was banales wie „na, T-Shirt gewechselt?“ und er schaut kurz irritiert hoch, schaut mich an, schaut durch mich durch und geht weiter. Stumpf. Kein Erkennen im Blick, nicht mal ein Funken.

Da überlegt man schon, ob man unsichtbar geworden ist. Ob die grauen Haare eine gute Idee waren. Ob man besser „Hi Markus, wie schön, dich zu sehen“ gesagt hätte, anstelle sein Shirt zu erwähnen. Ich fühlte mich ein bisschen wie so ein Schulmädchen, dass vom Schwarm einfach mit dem Tablett in der Mensa stehen gelassen wird.

Dabei war es umgekehrt. Er war einer meiner ersten intensiven Bewunderer. Kam nachts in meiner Wohnung vorbei, um mir seine selbstgeschriebenen Gedichte vorzulesen. Natürlich unangekündigt, wir hatten noch keine Handys. Gab mir den Spitznamen Charisma. Nahm mich auf so viele spannende Events mit. Wir sind so oft tanzen gegangen, haben gemeinsam gearbeitet, er hat mich beschützt, ich habe ihn zum Lachen gebracht. Ich habe ihn nicht erhört, vielleicht hat mich das auch noch attraktiver gemacht. Es war eine wunderbare, wilde Zeit.

Und da geht er einfach an mir vorbei und ich denke, kann nicht sein, so sehr kann ich mich nicht verändert haben. Oder doch?

Im Grunde ist das nicht wichtig. Und natürlich ist es total wichtig, jedenfalls für den weiteren Verlauf dieses Abends. Zu sagen, dass das nichts mit mir gemacht hätte, wäre gelogen. Meine vorher noch gute Stimmung war etwas gedämpfter. Ich fühlte mich von jetzt auf gleich müde. Die Verbindung zur Veranstaltung war weg, ich war unter vielen Menschen und fühlte mich allein. Obwohl neben mir eine Freundin saß, zu der ich ansonsten durchaus eine stabile Bindung habe. Hier war die Verbindung gekappt. Als sei ich verschwunden.

Bin ich unsichtbar?

Eventuell bin ich das. Mein Lächeln, Grundlage von Gedichten, die geschrieben wurden, ist selten zu sehen. Ich denke zwar, Ich lächelte, aber wenn ich dann so im Vorübergehen in Schaufenster schaue, sehe ich ein sehr ernstes Gesicht. Dem Ernst der wirtschaftlichen Lage entsprechend. Hier gibt es nichts zu lachen, gehen sie bitte einfach weiter. Ich bin das Lachen leid. Wer lacht, hat noch Luft.

Ja, und so eine Arbeitslosigkeit, wo ist das denn zum Lachen?

Dabei ist sie vor allem eines – die beste Chance für eine nachhaltige Veränderung. Eventuell auch zu mir zurück. Damit ich wieder erkannt werde. Jetzt nicht zwangsläufig von der Vergangenheit (wobei das schon auch schmeichelhaft war, die Begegnung auf der Tanzfläche. Hätte meinem kleinen Ego am Montag auch gut getan). Aber in jedem Fall von meiner Zukunft. Die sollte weniger mürrisch aus der Wäsche schauen. Die darf tanzen, auch auf unebenen Pflastersteine und bei Hitze. Ich möchte erkannt werden. Auch von meinem zukünftigen Arbeitgeber.

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