Meine wilden Zeiten begannen mit acht Jahren. Als ich endlich fliegen lernte.
Die rote Zora oder Ronja Räubertochter, manchmal Pippi Langstrumpf. Das waren die Mädchen, die ich sein wollte.
Spielen im Unterholz, Verstecke im Wald bauen und mit dem alten Klapprad downhill durch die Siedlung rasen. Ich war die wilde Luzzie, der Schrecken der Straße, mit all ihren Knetfiguren.
Später hatte ich Fünf Freunde, und vor allem George hatte meine Kragenweite. Hanni und Nanni haben die Vorlage für meine Zeit im Internat geschärft, um dann festzustellen, niemand macht Mitternachtspartys. Aber schön wäre das schon gewesen.
Starke Mädchen waren meine Vorbilder. Die, die stärker waren als die Jungs. Die Anführerinnen.
Kaum erwachsen aus dieser Phase, kam Buffy, im Banne meiner Dämonen. Mit ihr habe ich mich in der Form verbunden gefühlt, dass ich meine Kinder im Karate und mich im Jui-Jitsu angemeldet habe. Es fehlte eigentlich nur der Pflock in der Handtasche und kniehohen Stiefel zum Minirock. Wobei es Bilder von mir im Schwedenurlaub gibt, mit kniehohen Gummistiefeln und Minirock. Doch, ich war wild.
Radfahren. Bungeejumping. Auf Klettersteigen herumhampeln. Rafting mit den Kids. Paragliding. Paddeln.
Dabei war ich keine Sportskanone. Aber bewegt habe ich mich dennoch, bis zu dem Tag, an dem ich – langsamer wurde.
Keines meiner Vorbilder war mehr als eine literarische Figur. An dem Punkt, an dem ich ein Vorbild zum Thema Depression gebraucht hätte, war keines greifbar.
Dabei hätte ich dringend eines gebraucht.
Vermutlich ist es schwierig, zu jemand auf zuschauen, der schon am Boden liegt. Depressionen bewegen sich selten nach oben. Sie fallen wenn, dann vom Himmel, oder legen sich zum Sterben auf die Gleise. Wenig heldenhaft nehmen sie Tabletten oder verhalten sich ungeschickt mit Messern am Handgelenk.
Nicht alle, natürlich.
Nichts davon ist cool. Keiner spricht darüber. Es will auch niemand jemanden nacheifern, der sich gerade selbst sein Grab schaufelt oder sich verbal zur Schnecke macht. Depression ist absolut unsexy.
Tja. Wie bin ich jetzt nur darauf gekommen? Das ist ja deprimierend, nach einem so schönen Tag!
Ich wollte eigentlich übers Radfahren schreiben. Weil ich heute endlich mal mit meinem Sohn so richtig mit dem Rad unterwegs war. Wir waren in der Stadt, haben danach etwas zu einer Freundin gebracht und sind dann noch auf die Parzelle zum Gießen gefahren. Ich glaube, gute 15 Kilometer waren wir unterwegs. Für K5 ist das völlig ungewohnt. Er fährt in der Regel mal zum Sport mit dem Rad. Zwei Kilometer, maximal. Er ist längere Strecken gar nicht gewohnt. Er hat auch kaum Lust, Fahrrad zu fahren, wo soll die auch herkommen, wenn es ihm niemand vorlebt. In der Hinsicht war ich ihm kein großes Vorbild. Ich hatte einfach keinerlei Freude an Bewegung, über viele Jahre hinweg.
Ich habe das heute sehr genossen. Wir waren sehr autark unterwegs, unabhängig, mit dem Rad kannst du einfach losfahren. Anhalten. Absteigen. Weiterfahren. Beinahe überall. Nur durch den Citytunnel zu fahren, den Gefallen konnte ich ihm nicht machen, das ist zum Glück verboten.
Ich wäre gern ein gutes Vorbild auch in dieser Hinsicht. Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein ist Freiheit. Man kommt wunderbar von A nach B. Es hebt die Laune und die Fitness wird besser.
Wir waren vorhin auf dem Oberfeld. Er schimpft meist, wenn er sich längere Strecken anstrengen muss. Kein Wunder, siehe oben. Was wir nicht gewohnt sind, fällt uns schwer, zu tun. Ihm hat das gut getan, vorhin. Wir haben Kühe beobachtet, Kartoffeln ausgegraben und gemeinsam eine Tomate gegessen als sei sie ein Apfel. Es tropfte und war süß.
Ich hoffe, ich bin noch rechtzeitig, um ihm noch ein wenig Freude am Fliegen zu zeigen. Es gibt nichts schöneres, als eine Weile bergab zu rasen auf dem Rad, den Fahrtwind im Gesicht und das Gefühl, schneller als der Wind zu sein.

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