Mein Vater ist gestorben.
Meine erste Aufgabe ist, meinem jüngsten Sohn greifbar und sensibel zu erklären, warum ich nicht auf die Beerdigung meines Vaters gehen werde. Ich will meinem Sohn ja nicht die volle Ladung Kindheitstrauma ins Gesicht kippen. Es reicht, wenn er das in geringer Dosierung mitbekommt.
Vorhin beim Abendessen hat er festgestellt, dass er jetzt gar keinen Opa und Oma mehr hat. Das ist die Wahrheit, und die Wahrheit ist auch, dass er die auch vor deren Tod nicht hatte. Die Wahrheit ist nicht immer schön. ˆ
Lügen allerdings ist keine Alternative. Ich lüge nicht. Was natürlich gelogen ist, weil ich ständig lüge. Wir alle tun das. Mal mehr, mal weniger. Mein Vater hat es geschafft, so hervorragend zu lügen, dass ich ihm glaubend 12 Jahre keinen Kontakt zu einem meiner beiden Brüder hatte. Es war eine sehr anschauliche Lüge. Eventuell wollte ich glauben, weil Glauben einen mitunter davon entbindet, selbst zu denken, zu hinterfragen. Glauben ist bequem.
Ich glaube jedenfalls, mir tut es nicht gut, lügend oder heuchelnd ans Grab zu gehen. Ich habe kein Interesse, Abschied zu nehmen. Ich bin maximal desinteressiert. Heucheln ist, glaube ich, auch eine Todsünde, ebenso wie Lügen.
Ob ich traurig bin? Vielleicht morgen? Oder nächste Woche? Weil, tatsächlich bin ich froh, dass es vorbei ist. Dieser Prozess hat sich schon selbst überholt. Weihnachten vor zwei Jahren sagten die Ärzte, unser Vater werde nicht ins neue Jahr kommen. Nun. Meine Eltern sind beide von zäher Statur, beide haben ihre niederschmetternden Diagnosen mehrfach überlebt. Überlebenskünstler. Eventuell ist das etwas, das uns Kindern mitgegeben wurde.
Woran er gestorben ist, das tut im Grunde nichts zur Sache. Dass er gestorben ist, eigentlich auch nicht. Für mich ist er schon seit vielen Jahren tot. Und in keinem dieser Jahre hatte ich das Bedürfnis, ihn am Grab zu besuchen. Da ist nichts mehr, das ich sagen möchte. Es kommt ja eh nichts an, jetzt sowieso nicht mehr.
Ich habe meinen Vater geliebt, als ich jung war. Er war mein Held und meine Mutter war der Alptraum. Mein Vater hat mich verprügelt, weil meine Mutter das beauftragt hat. In meinen Kinderaugen war mein Vater auch ein Opfer, und meine Mutter die eigentliche Täterin.
Ich sehe das heute sehr viel differenzierter. Beide waren, das ist schonmal klar, vollkommen überfordert. Kinder hätten sie besser keine bekommen, oder zumindest nicht miteinander. Sie hatten keine gesunde Partnerschaft. Das überträgt sich mitunter auf Kinder. Dazu kam die Überzeugung, dass Schläge Kinder formen. Ja, das tun sie. Allerdings selten im positiven Sinne.
Jedenfalls, als ich jung war, gab es Phasen, in denen ich meinen Vater verehrte. Er ist mit mir Tischtennis spielen gefahren, war mit bei den Jungfreunden, auf Freizeiten, beim Zelten, ab und an hat er mich morgens dem Bus hinterhergefahren, wilde Verfolgungsfahrten waren das. Er hat mich zum Tanzcafé gefahren und nachts aus der Disco abgeholt. Wenn ich krank war, hat er sich abends zu mir gesetzt und mich mit einer Handpuppe zum Lachen gebracht. Gelacht hat er gern, und laut, und ich fühlte mich ihm mehr verbunden, weil ich doch auch gerne lachte und immer laut war. Meine Mutter hatte ihren Schaff mit mir. Auch, weil ich im Verhalten meinem Vater so sehr ähnelte.
Meinem Vater. Der kein guter Partner war. Der kein guter Vater war. Vielleicht auch, weil er das nie gelernt hat. Kriegskind. Kriegskinder, alle beide.
Verkorkst, alle beide. Ausgebadet haben wir Kinder das. Wobei, wir baden noch. Jeder auf seine Weise. Ich habe manchmal das Gefühl, ich komme gar nicht mehr raus aus diesem Bad. Die Haut ist schon arg verschrumpelt.
Über Tote darf man nichts Böses sagen. Warum eigentlich?
Ich jedenfalls bin heute eine kurze Weile erschüttert. Natürlich denke ich an die schönen Momente. Es gibt allerdings nicht so viele. Weder von meinem Vater noch von meiner Mutter und schon gar nicht gemeinsam. Da war wenige Momente. Meine Mutter, die mit mir am Ofen sitzt und frisch geröstete Sonnenblumenkernen isst. Mein Vater, der mit mir Tischtennis spielt. Die Fahrdienste. Okay, das war wirklich nett. Aber reicht es, das Kind nachts von der Disco abzuholen?
Natürlich passiert gerade etwas in mir. Ich bin noch nicht sicher, was genau. Als meine Mutter vor 1,5 Jahren gestorben ist, war ich wahnsinnig wütend. Richtig schlimm wütend. Aggressiv. Wir Geschwister telefonierten den halben Abend. Es war emotional.
Heute? Hier? Kein Vergleich. Es ist einfach – still. Ich bin nicht wütend. Es ist mir egal. Ob er gelitten hat? Wie er gestorben ist? Ob ich ihn vermissen werde? Ich weiß es nicht. Gerade fühle ich mich erleichtert. Keine Lügen mehr. Keine Abwertungen mehr. Keine schlechte Tochter mehr. Vielleicht stirbt etwas in mir? Und wenn ja, was? Und vielleicht beerdige ich dann das, was jetzt in mir stirbt?
Das kleine Mädchen, dessen Held ihr Vater war, hat jedenfalls schon vor Jahren verstanden, dass er kein Held war. Dieses kleine Mädchen ist jetzt frei. Keine Eltern mehr, die mich limitieren. Keine Ausreden mehr, nicht ich selbst zu sein. Klingt nach Freiheit. Gibt mir zu denken.

Schreibe einen Kommentar