Anfänge fangen

Wupp. Mir fehlt der Anfang. Vorhin hatte ich ihn noch, in der Küche. Dem Ort, an dem gerne mal was verloren geht. Auch Anfänge, denen man ja eigentlich wehren sollte. Manchmal aber auch nur Topfdeckel, die Lieblingschips oder letztens drei Tüten Gummibärchen.

Die Gummibärchen waren für die Geburtstagstütchen von K5. Sicherheitshalber habe ich sie also abends weggeräumt, um die beiden nimmersatten Teenager-Raupen nicht unnötig in Versuchung zu führen.
Gesagt, verräumt, einen Tag später – stehe ich irritiert in der Küche, ziehe alle Schubladen auf, laufe im Wohnzimmer hin und her, untersuche meinen Kleiderschrank im Schlafzimmer und frage mehrfach, ob irgendjemand die Gummibärchen gesehen habe? Sie sind verschwunden. Wie mein Anfang vorhin. Einfach in Luft aufgelöst. Ich hatte schon schlimme Vermutungen von schlafwandelnden Teenager-Raupen, die eventuell in einem nächtlichen Anfall von Wahn die Gummibärchen gegessen hätten. Ohne sich daran zu erinnern, natürlich.

Tatsächlcih war es anders. Es war einfach nur mein Hirn, dass zwar noch abgespeichert hatte, dass ich die Gummibärchen versteckt habe. Aber nicht mehr, wo. Das passiert in letzter Zeit öfter – Gummibärchen, Anfänge, das Geschenk für K5, Gummistiefel, die auf Kleinanzeigen verkauft wurden. Verschwunden. Unauffindbar. Bis. Ja, bis ich mich dann doch erinnere. Meist in einer ablenkenden Situation, wenn ich mich zum Beispiel hinsetze, und die Augen schließe (nicht hinlegen, das funktioniert nicht). Und überlege, wie genau war das gestern. Was war anders. Was habe ich gemacht?

Und siehe da. Da steht ja dieser Karton mir gegenüber auf dem Sessel. Da war doch was? Da war doch so ein Gefühl? Da waren doch? Genau. In dem Karton. Waren alle Gummibärchen. Ich nehme an, niemand kann so wahnsinnig gut Dinge verstecken wie ich. Außer vielleicht Eichhörnchen.

Tatsächlich habe ich eben gehofft, dass ich über das Schreiben meine Idee wiederfinden würde, die mit dem Anfang. Die von vorhin. Die mit den Worten. Es war wirklich so schön geschmeidig, wortleicht. Aber der Anfang lässt sich leider nicht mehr blicken. Also muss ich wohl ohne Anfang zum Ende kommen.

Neben Gummibärchen und Anfängen ist hier noch was anderes verloren gegangen. Etwas, das auf den ersten Blick ganz prima ist, dass es weg ist. Meine Periode. Schon seit über 3 Jahren. Davor war ein kommen (von allein, mit 11) und ein gehen (von allein, mit Mitte 40) und das lief wie am Schnürchen. Meine Mutter würde sagen: kam von allein, ging von allein, Ende der Geschichte.
Und tatsächlich vermisse ich nichts. Wobei das nicht ganz stimmt, mein Körper vermisst schon was. Keine Gummibärchen. Eher Östrogen.

Und braucht man das? Weil, der Körper hat ja beschlossen, dass es damit auch vorbei ist. Eigentlich ja ulkig, wie haben das Frauen früher gemacht? Ja, bisschen Östrogen bildet der Körper noch, bevorzugt aus Fettgewebe. Das sitzt dann dezent am Bauch. Der Körper versucht also schon, das Problem zu lösen. Ich bin nur mit der Lösung gänzlich nicht einverstanden.

Jedenfalls. Heute kam ein neues Paket an. Ohne Gummibärchen. Nur mit den bioidentischen Hormonen, die ich jetzt in einer neuen Zusammensetzung nehmen werde. Vorangegangen ist selbstverständlich ein Bluttest samt Gesamtbild und Beratung und es gibt dazu natürlich auch schon eine Vorgeschichte. Es verändert sich aber so, dass es regelmäßig gecheckt werden muss. Hormoncheck. Der letzte hat ergeben, dass ich viel zu wenig Östrogen im Körper habe und all meine Beschwerden – von entzündeten Gelenken über tiefgefrorene Schultern – können auch damit in Verbindung stehen.

Naheliegend, dass ich wieder etwas tun werde. Ich hatte einige Monate ausgesetzt, auch, weil ich dachte, es könne doch nicht sein, dass ich jetzt den Rest meines Lebens Hormone nehme. Aber Abbau von Knochengewebe, Muskulatur und Hautelastität ist wenig lustig. Aufbau von Bauchfett übrigens auch nicht.

Daher starte ich wieder neu. Weil die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Weil wir heute die Möglichkeit haben, unseren Körpern zu geben, was sie brauchen. Das mag für jede Frau und jeden Mann etwas anderes sein – die Aufgabe dahinter, herauszufinden, was uns gut tut, ist davon unabhängig sehr wichtig. Und ja – es ist ein Erste Welt Problem und ein Erste Welt Privileg. Und ich nehme dieses Privileg wahr. Weil ich denke, dass es wichtig ist, dass ich noch eine Weile voller Saft und Kraft bin. Auf meinem ganz persönlichen Weg, zwischen all den Gummibärchen, Kindergeburtstagen, der Vergesslichkeit, den Teenager-Raupen und den körperlichen Befindlichkeiten.

Übrigens habe ich gehört, dass Andere es anders machen. Weil sie nicht ihr restliches Leben lang Hormone nehmen wollen, ob bioidentisch oder nicht. Das ist okay. Das darf ja Jede für sich entscheiden. Ich habe beschlossen, ich schau mal. Wenns mir gut tut, spricht für mich nichts dagegen, mich mit Hormonen zu versorgen und das jedes Jahr checken zu lassen. Und ja – ich habe sehr lange darüber nachgedacht, dass die Natur das so nicht vorgesehen hat und dass ich da eigentlich nicht eingreifen darf. Weil es von allein gekommen und von allein gegangen ist. Ja. Und gerade deswegen. Weil es wichtig ist, dass ich diese Glaubenssätze auch mal verliere. Die werde ich am allerwenigsten vermissen.

Ich mache jetzt den Anfang. Auch ohne die passenden Worte.

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