Ich prokrastiniere mein Arbeitszeugnis seit Ende Februar diesen Jahres. Mit Eingang der betriebsbedingten Kündigung war klar, ich muss zumindest mal einen Entwurf mit all meinen Aufgaben formulieren. Bevor ich mich allerdings mit Märchen beschäftige, räume ich lieber im Keller die Versandkartons für Kleinanzeigen auf …
Dabei habe ich hier die großartige Chance, meine Arbeit schön zu schreiben. Wo ich doch als Kind selten eine 1 in Schönschreiben hatte, kann ich mir zumindest jetzt schön 1en ins Zeugnis schreiben.
Warum ich selbst schreibe? Weil es bei ChatGPT sonst wirklich ein wenig abgehoben klingen würde und wir es ja nicht übertreiben wollen. Vor allem aber, weil ich darum gebeten wurde, meine Arbeitsbereiche, meine Expertise und meine Ergebnisse als Entwurf einzureichen. Natürlich hilft das meiner Ex-Kollegin. So weiß sie, was ich drin stehen haben will, und die Wahrscheinlichkeit, dass all diese vollen, vollsten, zu unserer Zufriedenheit wirklich zu meiner Zufriedenheit führen, ist gegeben.
Zeugnisse liegen mir nicht. Ich schreibe lieber Prosa und Rap. Wobei Märchen schon auch ihren Wert haben. Romantisch, oft mit Moral versehen.
Schön wäre, wenn das Lumpenpack mein Zeugnis schreiben und auch gleich vertonen würde. Das wäre Klasse! Ich könnte es mir dann in der Küche beim Kochen selbst vorsingen. Eventuell könnte ich auch ein schönes Video dazu einspielen und landete einen echten Hit!! Ich glaube, ich schreibe die Band mal an. Ein schöner, zynischer Song über Zeugnisse im allgemeinen fehlt der Welt.
Weil, seien wir ehrlich. Was steht denn drin im Zeugnis? Am Ende Alles Gut. Wir bedauern das Ausscheiden. Hat immer und jederzeit zur vollsten Zufriedenheit. Alles, was nicht gut lief, steht niemals im Zeugnis. Man will den Menschen ja keine Steine in den beruflichen Weg legen. Mitunter ist man auch einfach froh, die Person los zu sein und dann wird es doch Prosa im Zeugnis. Ich denke, wer Zeugnissen glaubt, der glaubt auch an den Weihnachtsmann.
In der Schule kann man sich gute Noten kaufen, jedenfalls habe ich davon gehört. Meine Eltern waren weder reich, noch hatten sie gute Beziehungen, was mein Zeugnis erklärt. Im Unternehmen geht das ebenfalls. Im Zweifel wird das schlechtere Zeugnis beklagt und man erhält dann ein besseres Zeugnis. Weil sich die ehemaligen Arbeitgeber den Zirkus und das Geld sparen wollen. Soll der Affe doch seinen Zucker bekommen. Nach uns die Sintflut.
Und das erklärt dann auch ganz gut, warum dieses To-Do so lange bei mir liegengeblieben ist. Mir fällt die Märchenstunde schwer. Ich habe einen hervorragenden Job gemacht, an den meisten Tagen. Aber wenn ich ehrlich bin, war ich nicht immer teamfähig, nicht immer fröhlich und bin meinem Vorgesetzten sicherlich auch mal auf den Sack gegangen. Aber Schwamm drüber.
Es ist mir auch schwer gefallen, weil es mir allgemein schwer fällt, mich und meine Stärken in ein gutes Licht zu rücken. Meine Arbeit sichtbar zu machen. Für mich herauszufinden, welchen Teil ich besonders im Scheinwerferlicht sehen möchte, weil es der Richtung entspricht, in der ich in Zukunft arbeiten will. All diese Gedanken kreisen ja schon lange in meinem Kopf. Meine Positionierung fließt auch in dieses Zeugnis mit ein. Wenn ich Zukunft Employer Branding machen möchte, dann würde ich das mehr herausstellen als Expertise. Wenn es Event- und Communitymanagement sein soll, dann natürlich die Events. Meine Kommunikationsstärke muss auf jeden Fall mit rein. Und all das – dieses Abwägen, dieses Wahrnehmen, was habe ich denn wirklich getan, was war besonders wertvoll fürs Unternehmen, das ist Arbeit für mich. Arbeit, die ich in den vergangenen Wochen immer wieder angedacht habe.
Und heute, heute konnte ich es einfach machen. Auch, weil es jetzt echt sein muss. Seit Juni bin ich arbeitslos. Wenn ich mich jetzt bewerbe und kein aktuelles Zeugnis des letzten Arbeitgebers beilege, sieht das im höchsten Maße unprofessionell aus. Also schreibe ich mir. Ein Zeugnis, das nicht nur zeigt, was ich getan habe, sondern auch, was ich damit bewirkt habe. Und dann wird es auch kein Märchen, sondern eine Nachricht. Gut recherchiert und auf den Punkt.

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