die Freude

Heute freue ich mich! Mein Leben ist wunderbar, gerade heute! Ganz ohne großen Grund, dafür mit ganz vielen kleinen Gründen 🙂

Ich möchte das jeden Tag sagen, Heute! Heute liebe ich mein Leben!

Mein Leben, heute, ist voller Chaos, wie so oft, und voller Ideen, wie meistens, und voller Freude, wie endlich öfter. Besonders die Freude genieße ich. Sie war viele Jahre eine verschollene Freundin, von der ich dachte, dass sie mich vergessen hat. Dass ich ihr nicht mehr wichtig bin. Dass meine Gefühle nicht mehr wichtig sind.

Ich hatte einen Mangel an Freude. Freude, das war regelmäßig ausverkauft, und damit ich überhaupt etwas mit nach Hause bringen konnte, habe ich halt den Frust mitgenommen. Den Frust darüber, dass Freude aus war.

Die gute Nachrichten ist: Freude ist wieder im Angebot!

Ich bin jetzt nicht den ganzen Tag am Stück voller Freude – und wäre ich es, ich würde ernsthaft überlegen, was ich wohl genommen habe, haha.
Ich bin aber in vielen Momenten des Tages voller Freude, und besonders freut mich, dass ich diese kleinen Momente erkennen und fühlen kann. Dinge wie, dass die Sonne ins Schwimmbad hineinscheint und ich durch sonnendurchflutetes Wasser schwimme. Oder ich mit K5 ins Schuhgeschäft komme und die Verkäuferin sich freut, uns zu sehen, und wir direkt einen Schnack halten. Wir sind zweimal im Jahr dort. Und sie weiß, wer wir sind. Etwas viel Schöneres kann ich mir gar nicht vorstellen. Das sind die Bindungen, die ich im Leben als wertvoll erachte. Einen nachhaltigen Eindruck gemacht zu haben. Jemand ein Lächeln geschenkt zu haben. Sogar mein Sohn war überrascht, weil – wie gesagt, zweimal im Jahr. Offenbar hinterlassen wir Freude, da, wo wir sind.

Freude ist ein Geschenk

Sich freuen zu können, an einem Sonnenstrahl, einem Lächeln, am Gezwitscher der Vögel im Frühling, an den ersten Blumen und dem ersten Laub an den Bäumen, an einer liebevollen Geste, an einem guten Buch, an Musik oder an der Stille, an einem gemütlichen Bett oder einer warmen Dusche, an Heidelbeeren auf Mandelmuß, an einem Kind, dass sich an mich kuschelt. Mich freuen zu können ist mein größtes Geschenk.

Wie so vieles, dass langsam und leise zu mir zurückgekommen ist, habe ich es erst gar nicht wahrgenommen. Dass da wieder Freude ist. Es war anfangs auch eher ein leichter Flügelschlag eines sehr empfindsamen Schmetterlings. Kaum zu spüren. Kaum zu sehen. Eventuell auch ein Trugbild –

Ich habe der Freude anfangs nicht geglaubt. Getraut habe ich ihr schon gleich gar nicht. Es ist noch nicht allzu lange her, da hatte ich nahezu Angst vor der Freude. Sie war so schön! Alles Schöne tut auch weh …

Anfangs, das ist jetzt vielleicht zwei oder drei Jahre her, da habe ich wirklich Angst gehabt vor einem guten Tag, voller Freude. Weil klar war, nach einem guten Tag kommt ein Tief. Als wäre es zu anstrengend für mich, Freude zu empfinden. Es folgten Tage mit mentaler Müdigkeit, mit Frust, mit Tränen. Auf Freude folgte Anstrengung. Hatte ich einen guten Tag, kamen sofort auch die Gedanken, dass es ja jetzt wieder schlecht würde. Ich konnte das sehr schön beobachten – der Tag danach war grauenhaft. Wie ein starker Muskelkater nach einer zu intensiven Sporteinheit. Freude bis zum Muskelversagen. Nach zwei bis drei Tage wurde es dann langsam besser. Am vierten oder fünften Tag war ich soweit wieder hergestellt, dass die Freude einen nächsten Versuch unternahm.

Iterationsschleifen. Eine. Viele. Mit dem Ergebnis, dass die Tage zwischen der Freude kürzer wurden, weniger wurden. Bis ich an einem Tag wie heute völlig entspannt mit der Freude durch die Küche tanze. Ich habe keine Angst mehr vor morgen und davor, dass ich morgen erschöpft oder müde sein könnte. Ich weiß, dass es mir gut gehen wird morgen, weil ich mich inzwischen ganz bewusst für die Freude entscheiden kann.

Heute wähle ich … Freude!

Ich habe jeden Tag die Wahl, wie ich mich fühlen will. Das fällt nicht vom Himmel und streckt mich nieder – jedenfalls heute nicht mehr. Heute entscheide ich selbst, zumindest in großen Teilen. Ab und an haut mein Hirn noch ab und denkt abstruses Zeug. Meist aber tut es, was ich will. Und ich will mich nunmal FREUEN! Weil, für alles andere ist das Leben viel zu kurz. Vor allem, um frustriert zu sein.

Sagt sich gerade ganz leicht. Wenn ich überlege, wie schwer es war, hierher zu kommen … weiß ich gerade gar nicht, was ich fühlen soll. Am ehesten noch Dankbarkeit. Dass ich hier bin, und dass ich mich freuen kann. Es ist warm, in mir. Zufrieden. Dankbar. Ich bin hier. Ich bin nachwievor ab und an müde und esse dann Unmengen von Quatsch, aber inzwischen schaffe ich es auch mal, einfach ins Bett zu gehen. Ohne Essen im Mund.

Ich erinnere und ich werde nie vergessen, wie schrecklich es war. Sich nicht freuen zu können. Ich hatte keinerlei Interesse mehr, an nichts. Ich konnte nicht lesen. Keine Filme schauen. Meine Kinder haben mich nicht interessiert. Meine Freunde auch nicht. Ich habe funktioniert, ich habe sogar gelächelt. Ich wusste, dass ich krank bin und eines meiner Symptome hieß Anhedonie.

Anhedonie

Anhedonie ist Freudlosigkeit.
Es gibt davon Unterformen, unterschiedliche Ausprägungen. Menschen, die keine Vorfreude empfinden können. Menschen, die während eines Vergnügens dieses nicht empfinden können. Fehlende Freude im Zusammensein mit anderen Menschen oder fehlende Freude beim Genuss, von Essen zum Beispiel, auch das sind unterschiedliche Formen.

Sich nicht freuen zu können, an wenig bis gar nichts, ist ein Symptom für Depressionen, aber auch für andere psychische Erkrankungen. Sich mal freudlos zu fühlen ist dabei noch völlig normal. Nur, wenn es über einen längeren Zeitraum läuft, gesellen sich da meist noch andere Probleme hinzu. Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Antriebsschwäche.

Ja, kein Wunder, wenn mich nichts freut, dann habe ich auch keinen Antrieb, irgendwas zu tun …

Eventuell war ich auch von Dysthymie betroffen, das sind die negativen Gefühle der Traurigkeit und Niedergeschlagenheit. Im Grunde ist mir das auch heute egal – ich hatte weiß Gott viele dunkle Gedanken. Und sehr wenig, über das ich mich freuen konnte.

Wochenende mit Kindern

Die Wochenenden mit den Kindern waren damals ein Alptraum. Ich war viel zu erschöpft, um mich mental um sie kümmern zu können. Und ich konnte ihnen auch nichts abgewinnen. Es war einfach nur unfassbar anstrengend und ich war müde. So müde. Wir haben keine Ausflüge mehr gemacht. Ich konnte nicht mehr raus gehen, allein die Planung eines Ausflugs hat mich überfordert. Ab und an haben wir gespielt, Gesellschaftsspiele. Ich hatte dabei meist diesen einen Gedanken – dass ich ein Zombie bin. Dass ich nicht normal bin. Und dass ich hoffe, dass es ganz schnell rum ist, damit ich mich wieder hinlegen kann. Pflichtdienst, ein Wochenende mit den Kindern.

Es war so traurig, dass es mich spontan ein wenig traurig macht.

Wir haben das überlebt. Wir alle. Meine Kinder und ich. Wir freuen uns heute darüber, dass wir uns freuen. Meine Kinder fassen das ansonsten nicht in Worte, sie haben auch vieles vergessen und wenn ich mal vorsichtig nachfrage, heißt es auch oft, dass ich doch sehr fröhlich gewesen sei. Ich kann also auch Schauspielerin werden. Falls noch eine Rolle gesucht wird, für einen Menschen, der nix fühlt, aber so tut, als sei er gefühlsmäßig anwesend: Ja.

Warum erzähle ich euch das? Warum erzähle ich mir das?

Ich freue mich ja jetzt schon länger … seit wann eigentlich?

Freude – seit wann?

Aus der schweren Depression bin ich laut Arzt raus Anfang 2019. Ende 2017 wurde ich offiziell krank (es ging mir davor schon länger nicht gut). 2018 ist ein Jahr ohne Gefühl, ich weiß nicht mal mehr so genau, was ich da eigentlich gemacht habe. Ich glaube, ohne K5 wäre ich einfach nicht mehr am Leben. Dieses kleine, superniedliche, sehr verkuschelte Kind hing ständig an mir. Ich glaube, er hat mir das Leben gerettet. Ich glaube, alle Kinder gemeinsam haben das getan. Mir das Leben gerettet. Sie waren da. Sie haben mich nicht in Ruhe gelassen. Sie haben mit mir gespielt. Sie haben mich berührt. Sie haben mich umarmt. Ich konnte das zwar nur mechanisch fühlen, ich glaube aber, dass sie damit die Verbindung aufrecht erhalten haben. Mich nicht haben gehen lassen. Und ich wäre wahrlich gerne gegangen. Es gab nur sie, die mich haben bleiben lassen.

Danke, ihr Lieben! Ich bin euch unendlich dankbar für mein Leben!

In 2019 war es noch schwer. Es gab Momente, in denen ich mich wohl gefühlt habe, fragile, kurze Momente, mit der weiter oben beschriebenen Kurve. Ein guter Tag. Zwei oder drei schlechte Tage. Zwei halbwegs gute Tage. Ein guter Tag. Wie ein Leuchtfeuer am Horizont. Und dann wurden die Abstände kürzer. Das Gefühl, dass ich nicht genug Zeit habe, für die Freude, und dass ich auch gar keine Ahnung habe, wie ich sie länger halten kann, die Freude, war um mich.

Ich habe ihr nicht getraut, der Freude. Ich war schon unglücklich, als ich eigentlich noch freudig war, weil ich wusste, danach kommt der blanke Horror.

Unfassbar, von meiner heutigen Sicht aus. Die Freude. Sie steht heute wieder jeden Morgen mit mir auf. Ich habe positive Gedanken, noch bevor ich richtig wach bin. Ich freu mich. Auf mein Leben.

Freude ist essentiell. Ohne Freude gehen wir ein wie Primeln.

Manchmal denken wir, dass das Leben echt beschissen ist. So anstrengend. 1000 Entscheidungen. Zu wenig Ruhe. Dabei ist das Leben echt schön. Es kommt nur auf den Blickwinkel an.

Was hat dich heute gefreut? Über wen hast du dich gefreut, und über was? Denk gerne darüber nach und dann – wiederhole es. Hol dir das ins Haus, was dir Freude bereitet. Frische Blumen, eine Umarmung, einen Tanz. Tu dir Gutes. Such dir Freude. Bleib gesund.

Und wenn sie fehlt. Und alles anstrengend ist. Halte durch. Übe. Es wird besser. Ganz langsam wird es besser. Und auf diesem Weg, hol dir Hilfe. Sprich mit Menschen darüber, wie du dich nicht fühlst. Dass du nichts fühlst. Sie sehen es dir in der Regel nicht an. Sei mutig und sprich über all das. Bewege dich, geh raus, geh Spazieren. Und bitte um Umarmungen. Bewegung und Nähe bringt die Freude zu dir zurück. Und habe Geduld. Die schweren Tage gehören dazu. Wie der Muskelkater nach einem intensiven Training. Wachstum tut weh. War schon bei den bleibenden Zähnen so.

Ich umarm dich. Wo auch immer du gerade bist.

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