Tag 5

Innensicht, leicht getrübt. Was sind das für Schlieren auf meiner Brille? Kommen die vom Regen, durch den ich vorhin gelaufen bin? In Schlafanzugshose und barfuß in Boots, die Daunenjacke drüber, um meinen Sohn mit dem Auto vom Bahnhof abzuholen? Oder sind es Tränen, die eben liefen, als ich in der Küche stand und die Lasagne vorbereitet habe? Oder ist es Beides? Ist meine Sicht von beiden Seiten getrübt?

Von Innen und auch – von Außen?

Meine Themen hier im 28 Tage Content – Experiment kristallisieren sich heraus. Es sind Themen, die mich auch an anderen Tagen und außerhalb von Experimenten beschäftigen. Es ist in Ordnung, darüber zu sprechen, sonst kann ich mich den Themen nicht stellen. Und Ordnung ist eines der Themen.

Ich finde meine Themen

Vielleicht finden meine Themen auch mich, und kommen deutlicher hervor, weil ich sie jeden Tag schreiben lasse? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so ist. Eines meiner Themen ist – ich glaube nicht an mich. Mir fehlt die Sicherheit. Ich kann nichts wirklich gut. Ich bin keine Expertin, in nichts. Ich habe immer nur so ein diffuses Halbwissen. Ich bewundere Menschen, die etwas wissen, die wirklich kompetent sind. Ich fühle mich sehr klein, wenn ich solchen Menschen begegne, ich fühle mich ertappt. Ertappt darin, dass ich im Grunde nichts kann.

Auf der Party gestern ist mir eine beeindruckende Frau begegnet, tolle Ausstrahlung und tolle Lebensgeschichte. Und toller Job. Ingenieurin. Ich habe es kaum geschafft, ihr inhaltlich zu folgen, weil ich einfach gar keine Ahnung davon habe, was sie beruflich macht. Muss ich auch nicht, das weiß ich. Sie ist hoch qualifiziert und liebt ihr Thema. Und das – tut mir weh. Ich bin eventuell auch für irgendwas hoch qualifiziert, ich weiß nur nicht, für was.

Im Negativen finde ich da Dinge. Ich bin qualifiziert für Unordung, für Unstrukturiertheit, für Überforderung, für Neid, für Traurigkeit. Das sind wirklich tolle Themen! Und über sie alle könnte ich eine Menge schreiben.

Überforderung

Ich fühle mich heute überfordert. Ich habe mich gestern auf der Party schlecht gefühlt – wie ein Mensch zweiter Klasse, weil nicht gebildet. Ich habe so wenig Ahnung, kann Gesellschaftspolitisch nicht mitreden, kann mir oft einfachste Sachverhalte nicht merken. Ich habe einen Haufen Ideen und auch Daten im Kopf und es herrscht eine unglaubliche Unordung. Dinge verknüpfen sich entweder gar nicht oder an der falschen Stelle. Ich bin allein durch meine Intuition und meine Emotionen getragen. Im Umgang mit Menschen, die Planvoll mit sich umgehen, fühle ich mich unterlegen. Klein. Schwach.

Ich habe nichts vorzuweisen. Keine Doktorarbeit, keinen Titel, keinen Partner, keinen Erfolg. Nicht mal einen Schulabschluss. Ich bin – einfach so durchs Leben gegangen, habe mir immer genau das, was ich in Situationen brauchte, im Arbeiten beigebracht. Ich kann nur im Tun lernen. Ich kann nicht geplant lernen. Auch, wenn ich weiß, was auf mich zukommt, bereite ich mich nicht vor in der Art, dass ich mich rechtzeitig hinsetze und mir das Wissen vorlerne. Ich setze es dann um, wenn es soweit ist, und das tue ich rein aus dem Gefühl heraus. Also – es gibt eine Veranstaltung auf Meetup anzulegen und ich weiß das – ich könnte mich im Vorfeld mit Meetup auseinander setzen. Schauen, was brauche ich dafür, dort eine Veranstaltung anzulegen, wie bereite ich mich vor.

Was ich tue? Nichts. Ich lege eine Veranstaltung an, und arbeite mich in das Thema ein. Danach bin ich sehr stolz auf mich, weil es problemlos ging und ich durchaus schnell lernen kann. Beim nächsten Mal wird es schon viel schneller gehen, und umso öfter ich das tue, umso schneller und sicherer werde ich.

Das ist nur ein Beispiel. Es spricht aber für alle Prozesse in meinem Leben, und für Alles, was ich kann, Bände. Es ist die einzige Art, in der ich lernen kann.

Warum?

Ich weiß nicht, warum das bei mir so ist. Ich wäre gerne strukturiert. Ich beneide Menschen um ihre Positionierung. Wenn sie wissen, was sie tun und warum sie das tun. Wenn sie ein Ziel haben. Wenn sie sich einen Plan machen können. Heute, im Zoom-Call mit den Wegbegleiter:innen aus 28 Tage Content, war ich neidisch. Neidisch auf deren Erfolge, auf deren Klarheit, auf deren Worte. Was ich bisher gelesen habe, verunsichert mich. Das werde ich niemals schaffen, mich so klar zu positionieren. Ich kann keinen Schreibplan schreiben. Ich kann nicht mal einen Wochenplan fürs Essen schreiben. Ich bin jeden Morgen froh, wenn ich es im Zeitrahmen schaffe, mit den Kindern morgens aus dem Haus zu kommen. Schon danach bin ich müde.

Ich wäre froh, es wäre anders. Ich wäre froh, ich hätte nicht nur die Intuition und das Gefühl, sondern auch die Klarheit und die Planungssicherheit in meinem Leben.

Kann man Klarheit lernen? Oder Struktur? Ordnung? Und wenn ich nur lernen kann, wenn ich tue, ist das dann das Geheimnis? Das ich es einfach tue? Das ich einfach Ordnung schaffe, und dann werde ich klarer? Und wo – fange ich damit an? Im Haushalt ist es immer die Wäsche. Ich stelle immer erstmal eine Waschmaschine und entscheide, welche Wäsche jetzt am wichtigsten ist. Was als erstes gebraucht wird. Und dann kümmere ich mich darum.

Ich ahne, ich darf herausfinden, was ich als erstes brauche. Ich denke, es ist die Klarheit. Der Grund, das Warum. Warum will ich schreiben. Was will ich erzählen. Was ist mir wirklich wichtig. Dann wird es vielleicht einfacher?

2 Antworten zu „Tag 5“

  1. Liebe Larissa,

    ich kenne dieses Gefühl gut und dabei hilft es nicht einen Master in Psychologie zu haben. Dieses Gefühl, nichts zu wissen oder zu können liegt tief in mir, ebenso das Wissen, dass es falsch ist und es ist auch bei dir falsch.
    Ich lese es in deinem Text, du hattest es nicht einfach und hast dienen Weg gefunden, du hast so viel gelernt in deinem Leben, auf einem richtig coolen Weg. Warum sollst du dich hinsetzen und theoretisch damit befassen, wie Meetup funktioniert, wenn du es einfach tun kannst, wenn du das Tool intuitiv verstehst und nutzen kannst?
    Du hast dir coole Lernstrategien angeeignet, die vielleicht unkonventionell wirken, aber äußerst effektiv sind, wie du dir selbst immer wieder beweist, denn du tust Dinge, du arbeitest, du machst Lasagne und du bist für deine Kinder da.

    Erlaube dir, du selbst zu sein. Versuche nicht zu sein, wie andere dich gerne hätten oder wie du denkst, dass du sein musst, das nimmt so viel Stress.

    Wir haben mit Anna darüber gesprochen, was wir mit einem Text sagen wollen. Das ist wertvoll. Manchmal schreiben wir, um uns selbst kennen zu lernen. Daher möchte ich dich gerne einladen, deinen Text nochmal aus einer neuen Perspektive zu lesen. Vielleicht magst du ihn ausdrucken oder als PDF speichern und so tun, als hätte eine wildfremde Person diesen Text geschrieben.

    Nimm dir einen Textmarker und jetzt streich mal alles an, wo du entdeckst, dass diese Person eine wunderbare Person ist. Wo erkennst du Stärken, Fähigkeiten, Bewundernswertes? Alles, was dir positiv auffällt, markierst du.

    Danach schaust du dir die Markierungen an und liest es als Text über dich selbst.

    Viel Freude mit diesem Experiment
    und einen wunderbaren Start in die neue Woche
    Stephanie

    1. Larissa

      Danke, liebe Stephanie, für den wertvollen Input!
      Ich schreibe wohl aktuell, um viel über mich herauszufinden – da geht die Reise hin.
      Ich lasse das noch sacken und nehme mir am Wochenende die Zeit, meinen Text nochmal zu lesen, so, als sei ich nicht die, die es geschrieben hat. Es ist gut, ab und an die Perspektive zu wechseln!

      Herzliche Grüße, Larissa

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